Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Are Pofrner Versammlung — Referat Ar. Seligmann selbe hineingeboren, hineingewachsen, ebenso wie wir Erben aller Kulturgüter sind, die wir von unseren Vätern ererbt haben. Meine geehrten Damen und Herren! Diese ganze Kultur, zu der auch die Religion gehört, ist auf der einen Seite unser höchstes Gut, auf der anderen Seite aber liegt doch auch etwas wahres in dem Rufe jenes berühmten Mannes, den wir erst in jüngster Zeit wieder gefeiert haben, in dem Worte Rousseau's: „Zurück von der Kultur zu der Natur." Denn die Kultur überliefert uns nicht nur das Gute, das Edle, das Schöne, das Wahre, das die Menschheit im Laufe der Geschichte aufgespeichert hat, sondern auch das Schlechte, das Unschöne, das häßliche, das heuchlerische. Nicht nur von der Jurisprudenz, sondern von allen idealen Kulturgütern und nicht zuletzt von der Religion gilt das Dichterwort: „Es erben sich Gesetz und Rechte Wie eine ewge Krankheit fort;-— Vernunft wird Unsinn, Wohltat Mage; Weh dir, daß du ein Enkel bist! Vom Rechte, das mit uns geboren ist. Von dem ist, leider! nie die Frage." Za vom Rechte, das mit uns geboren ist, vom Rechte und der Freiheit des „Ich", von dem Recht und der Pflicht der persönlichen, der subjektiven Religion, von dem ist leider — wir wollen nicht sagen nie, aber wenig die Frage. Und doch entspricht die überlieferte objektive Religion oft nicht dem subjektiven religiösen Verlangen. Dem Besten, was kvir von der Vorzeit empfangen haben, haftet menschliches, allzumenschliches an. Gft ist die Kruste so dick, daß wir durch sie nicht auf den Inhalt schauen können, oft ist die Schale uns so wert gemacht worden von denjenigen, die uns lieb und teuer sind, daß wir vor lauter Schale nicht zum Kern gelangen. Gft ist die äußere Erscheinung — vor allem in der Religion, in der mit der Zeit allesheilig wird, uns so heilig geworden, daß. wir vergessen, daß die Erscheinung nicht: das Wesen ist. Solange wir unmündig sind, stehen wirunselbständig der ganzen Fülle und Wuchtder Vergangenheit, die uns vom Tage unserer Geburt^an in ihre Netze spannt, gegenüber. Aber es kommt — bei den selbständigen Naturen — einmal der Augenblick, da wirzu uns selbst erwachen, zu unserer Individualität, zu unser eigenen Persönlichkeit^ da sich unser Ich, unser Subjektivismuslosringt von der absoluten Tyrannei der Geschichte, da der Mensch sich fragt: „Bin ich um der Religion willen da oder ist die Religion um m e i n etwillen da?" - Und wenn die Religion um meinetwillen, da ist, welchen Zweck, welchen Sinn, welche- Bestimmung hat sie? Indem der Menschso zu den letzten Urgründen der Religion hinabsteigt, und indem er sein persönliches Verlangen an die Religion stellt, sein subjektives religiöses Bedürfnis mit den Leistungen der objektiven geschichtlichen Religion vergleicht, entsteht beinahe in allen Fällen, eine Disharmonie zwischen subjektiver Forderung und objektiver Erfüllung. Dann fragt sich der tief und ernst angelegte Mensch: Liegt diese Unstimmigkeit, diese- Disharmonie im Wesen der Religion, muß es so sein, daß ich meine überlieferte Religion in vielen'Dingen nicht als Wohltat, sondern als Mage, nicht als Vernunft^, sondern als Widersinn empfinde? Liegt wirklich, wenn ich mich im Denken und Tun auflehne gegen viele Forderungen der objektiven Religion, alle Schuld an mir und muß ich mich als einen sündigen Menschen betrachten, oder liegt vielleicht doch die Schuld auch an der objektiven Religion, daß s i er es versäumt hat, oder da die Religion.