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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 219

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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219 Die Pofrner Versammlung — Urfrrat Ar. Seligmann angenommen wurde, an die Ausarbeitung eines positiven Programms des religiösen Liberalismus heranzutreten. Die damals gewählte Fünfzehner-Uomnussion und die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands haben aber ihre nunmehr fertig vorliegende Arbeit mit weisem Bedacht nicht Programm für das liberale Judentum in Deutschland, sondern Richtlinien zu einem progv a m m genannt. Sie wollten durch diese Ueberschrift ausdrücken, daß auch diese Richtlinien noch nicht das letzte Wort - und der vollendetste Ausdruck des religiösen Liberalismus im Judentum sein können, daß auch diese Arbeit trotz der peinlichen Gewissenhaftigkeit und gründlichen Ueberlegung, mit der sie mühsam zustande gekommen ist, der künftigen Verbesserung fähig und bedürftig sei. Das ist ja das Wesen des Liberalismus, daß er nicht zu den Fertigen gehört, daß er das Bewußtsein in sich trägt, stets im Werden zu sein. Und so hoffe ich denn von Ihnen, meine geehrten Damen und Herren, daß auch Sie in Ihrer Stellungnahme zu den Richtlinien dem Dichterwort entsprechen werden: „wer fertig ist, dein. ist nichts recht zu machen, der werdende wird immer dankbar sein." Meine geehrten Damen und Herren! Ich komme zu Rnm.mer I der Richtlinien und zu den mit dieser Rümmer zusammenhängenden Begriffen und Schlagworten, zu den, ich möchte sagen termini technici, die - einer Erklärung bedürfen. Und hier gestatten Sie nur einige kurze orientierende religionsphilosophische bezw. religionsgeschichtliche Erörterungen. Der in unserer Zeit zu neuem Ansehen gekommene Religionsphilosoph Fechner erörtert in einem geistvollen, interessanten kleinen Büchlein „Motive und Gründe des Glaubens" die Frage, woher der Glaube oder die Religion an den Menschen kommt. Man ist im ersten Augenblick versucht eine tiefgründige psychologische oder eine gelehrte religionsgeschichtliche Antwort auf diese Frage zu geben. Es scheint das Nächstliegende, daß man antwortet, die Religion ' fei zu den Menschen gekommen durch eine tiefe Veranlagung ihrer Natur, oder durch eine übernatürliche Offenbarung. Nein, antwortet Fechner, wenn wir die dunkle Frage nach der ersten Entstehung des Glaubens in der Menschheit beiseite lassen und fragen, wie heute der Glaube an jeden Menschen kommt, so ist gewiß, daß der Glaube den heutigen Menschen und in allen geschichtlichen Zeiten vor: anderen Menschen mitgeteilt, überliefert worden ist.*s wenn jeder von uns hinabfteigt in seine Vergangenheit bis dahin, wo die Er-- innerung sich im Dämmertraum der Kindheit verliert, so 'sehen wir eine Mutter an unserem Bettchen stehen, die uns zum ersten Mal den Namen Gott vorsagt und uns die Hände zum Gebet falten lehrt. Durch Mutter und Vater, durch Geschwister, durch Lehrer und durch Lektüre haben wir tatsächlich zuerst von Gott und der Religion erfahren, lange ehe wir zu einem eigenen selbständigen Standpunkt der Religion gegenüber erwachen. Also ist in allen geschichtlicher! Zeiten — von den Uranfängen des menschlichen Geschlechts und der Urentstehung der Religion rede ich hier nicht — die Religion durch Ueberlieferung, durch Ge- . schichte entstanden. Und so sind wir alle Erben einer geschichtlichen Religion, einer gegebenen positiven Religion, für die ich von nun an in meinem Referat den Rainen objektive Religion festhalten will. wir haben uns unsere Religion nicht selbst geschaffen, sondern wir sind in die- *) Fechner, Die drei Motive und Gründe des Glaubens, Seite 39 ff. und 49 ff — Diese Theorie liegt übrigens auch der Religionsphilosophie Jehuda Halevi’s zugrunde; vgl. Kusari I, 11—18.

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