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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 218

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 Are Posener Versammlung — Referat Ar. Seligmann fünfstündige Versammlung schließt, da sind nur wenige, die nichtvoll hoher Befriedigung und ernster Freude auf das Resultat dieser Vormittagsstunden zurückblicken. Reiner bereut es, gekommen zu sein. Und all die mit mancherlei Sonderwünschen und Sonderanträgen zur Versammlung gekonmren waren, fühlten sich mit fortgerissen von dem Geist der Einmütigkeit, von der suggestiven Kraft eines großen gemeinsamen wollens. Nachmittags % Uhr. welch' anderes Bild! Das wogt und drängt in dem großen Saal und in allen anstoßenden Nebensälen; — Hunderte die keinen platz fanden, mußten umkehren; und drinnen, wie mit Zauberschlag wird es still, als der Vorsitzende seine Rede beginnt. Und noch'sieben,Redner nach ihm erscheinen auf der Tribüne, und jeder gibt sein Bestes aus der Tiefe seines Empfindens und Denkens und Wollens, und nicht einen Augenblick geht der Kontakt mit dem Publikum verloren, keine Ermüdung auf den Gesichtern, atemlos lauscht die Menge den acht Rednern. _ Bewunderungswürdig ist die Disziplin und das Interesse dieser Riesenversammlung; vergessen draußen die Welt mit ihren lockenden Sonntagsfreuden, vergessen alles enge und kleine und niedrige. Und dann abends, nach dem Ernst des Tages, Festesfreude auf allen Gesichtern. Hier hat der Frohsinn zu Gast geladen, an festlicher Tafel wechseln heitere Reden mit frohen Gesängen und geistvollem Spiel. Längst ist die Mitternachtsstunde vorüber, als man sich trennt. Am anderen Morgen heißt es Abschied nehmen. Der Eine zieht nach -Süden, der Andere nach Westen, aber das Abschiednehmen klingt aus in einem hoffnungsfreudigen „Auf Wiedersehen", und in aller Herzen bleibt ein Nachhall zurück von Tagen, die es wert waren, gelebt zu werden. £. A. II. Referate. Rabbiner Ar. Seligmann - Frankfurt a. M. Indem ich voraussetze, daß Sie alle das in der letzten Nummer unserer Zeitschrift „Liberales Judentum" abgedruckte Generalreferat über „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum", das von mir in der Versammlung der liberalen Rabbiner Deutschlands zu Berlin gehalten worden ist, sowie die ckürze Geschichte der Entstehung der Richtlinien gelesen haben, bin ich der Aufgabe überhoben, das dort Gesagte zu widerholen und Ihnen allgemeine leitende Gedanken über Berechtigung, Notwendigkeit und Opportunität von Richtlinien überhaupt zu entwickeln, sowie auch, wie es unser verehrter Vorsitzender zum Teil in seinen einleitenden Worten getan hat, auseinanderzusetzen, wie es gekommen ist, daß nicht die in der Nürnberger Versammlung beauftragte Fünfzehner-Kommission, sondern die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands, resx. die 65 Rabbiner, die die Richtlinien unterschrieben haben, Ihnen die Richtlinien unterbreiten. Ich kann deswegen sofort zur Begründung der Richtlinien selbst übergehen und beginne mit der Ueberschrift: „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum." Meine geehrten Damen und Herren! In der ersten konstituierenden Versammlung der Vereinigung für das liberale Judentum zu Berlin wurde ein Programm aufgestellt, von dem damals schon gesagt wurde, daß es sich um ein vorläufiges Programm, um eine allgemeine Basis der Verständigung handle. Diesem Gedanken wurde in der zweiten Hauptversammlung zu Nürnberg dadurch erneut Ausdruck gegeben, daß von der Nürnberger Versammlung einstimmig der Antrag

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