Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 210 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Richtlinien M einem Programm für das liberale Judentum. Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum. I. „3)as liberale Judentum" erblickt das Wesen der jüdischen Religion in ihren ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten, welche die geschichtliche Bestimmung haben, Weltreligion zu werden. II. Die ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgebote der jüdischen Religion, in denen alle Zeiten und Richtungen des Judentums übereinstimmen, sind: \. Die Lehre von dem einig-einzigen, reingeistigen, heiligen Gott, dem Gott dev Gerechtigkeit und Liebe. 2. Die Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und der Unsterblichkeit. seiner Seele, von seiner Kraft zur sittlichen Freiheit und seiner Bestimmung, zu immer höherer sittlicher und geistiger Vervollkommnung fortzuschreiten. 3. Die Lehre von der Gotteskindschaft aller Menschen und von der Bestimmung der Menschheit, dem messianischen Friedensideale durch Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe immer näher zu kommen. III. Die von der Vorsehung bestimmte Aufgabe Israels ist es, seine Religion in Ihrer Reinheit zu bewahren und zu verkünden, durch die lebendige Kraft des Beispiels und der opferwilligen Eingabe zu bezeugen und so für die Herbeiführung des Gottesreiches auf Erden zu wirken. IV. Die geschichtliche Grundlage der jüdischen Religion ist die heilige Schrift, sowie die von ihr ausgehende Weiterbildung des Judentums im nachbiblischen Schrifttum, Talmud, rabbinischer und religionsphilosophischer Literatur bis auf die Gegenwart. Die historisch-kritische Würdigung dieser Religionsurkunden ist der Wissenschaft des Judentums als eine ihrer Aufgaben zuzuweisen. V. Als geschichtliche Religion hat das Judentum seinen ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten Ausdruck gegeben auch in geschichtlich bedingten Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen. Jedes Geschlecht hat den Glauben der Väter in den ihm eigentümlichen religiösen Vorstellungen und Ausdrucksformen sich zu eigen gemacht. Das liberale Judentum steht deshalb auf dem Standpunkt der Anerkennung einer fortschreitenden Entwicklung, kraft deren jede Zeit im Judentum das Recht und die Pflicht hat, bei Wahrung seines wesentlichen Gehalts geschichtlich bedingte Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen aufzugeben, fortzubilden oder neue zu schaffen.