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Liberales Judentum · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 209

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Date
1912-09-01
Page
Seite 209 (sequence 17)
Language
German
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o o o o 209 Zur Geschichte der Entstehung der Richtlinien zum Resultat zu kommen, etwas positives. Fertiges zustande zu bringen. Zielbewußt und doch mit besonnener l Nachgiebigkeit wurden die Verhandlungen geleitet. Man wollte keine Majoritätsbeschlüsse zustande bringen, bei denen sich eine beträchtliche Minderheit majorisiert fühlen könnte. Lieber ignorierte man das Resultat mancher Abstimmung und suchte solange, bis eine Fassung gefunden war, der alle zustimmen konnten. Zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags war die Verhandlung beendet, die Richtlinien in ihrem ersten und zweiten Teil zuerst paragraphenweise, dann noch einmal im Ganzen einstimmig angenommen. Zn diesem Augenblick durchzog alle eine hohe, reine Freude, ein Gefühl der Erhabenheit ergriff jeden. Rein Einziger, der sich nicht bewußt gewesen wäre, daß der Entwurf da vor ihm, den er mit seinem Namen unterschreiben wollte, ein geschichtliches Dokument bedeute, und daß dieser Tag dereinst ein großer geschichtlicher Tag für das Judentum sein werde. Am Schlüsse wurde dem Leiter der Versammlung, Seligmann-Frankfurt, der herzliche, spontane Dank der Versammlung dargebracht. Mit einem innigen Gebet zu Gott, zu dem unserer Väter stets emporgeblickt in entscheidungsvollen Stunden, schloß der Vorsitzende die Versammlung. „Er, der die Kerzen der Menschen erforscht, weiß, daß wir nichts getan haben zu unserer Ehre, sondern alles zur Ehre Gottes, aus dem tiefen inneren Trieb der Wahrhaftigkeit und Ueberzeugung, zur religiösen Erneuerung des Judentums." Auf Beschluß der Versammlung sollte eine Redaktionskommission (bestehend aus den drei Frankfurter Rabbinern Seligmann, Lazarus, Salzberger sowie Bäck-Düsseldorf und Freudenthal-Nürnberg) dem Entwurf, unter Berücksichtigung der in der Versammlung geäußerten Wünsche die endgiltige stilistische Feile geben. Diese letzte mühevolle Arbeit der Redaktionskommission zog sich bis Ende dieses Monats hin, so daß um ihretwillen das Erscheinen dieser Nummer der Monatsschrift um eine Woche verzögert wurde. — Mit dankbarer Anerkennung muß die Tatsache hervorgehoben werden, die von dem Verantwortlichkeitsgefühl Zeugnis ablegt, das alle erfüllte, daß von dem Inhalt der Richtliniert, die doch seit mehr als einem Jahre weiten Rreisen bekannt geworden waren, die in einigen hundert gedruckten und in Maschinenschrift hergestellten Exemplaren kursierten, kein Wort vorzeitig in die Oeffentlichkeit drang. Nun aber ist die Zeit da. Nun fahre hinaus in die offene See, du sorgsam gehütete, wohlgefügte Arche und trage unser teuerstes Gut, die heilige Väterreligion, durch Sturm und Wellen hindurch, glücklichen Eilanden der Zukunft zu!

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