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Liberales Judentum · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 204

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Date
1912-09-01
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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o o o o 204 Ar. Srligmann: Grneral-Referat wie unsere Alten sagten: „Wenn es Zeit ist für Gott zu wirken, darf man .die Thora aufheben" und mit diesem Lideshelfer das jüdische Leben durch geschriebene Gesetzesparagraphen fesselten, so ist es unsere glicht, aus unseren Lebensnotwendigkeiten und umgewandelten religiösen Empfindungen heraus, das Religionsgesetz von seiner juristischen Gebundenheit zu befreien und gleichsam die mündliche Lehre wieder flüssig zu machen, damit das Judentum unserem Geschlecht wieder zum lebendigen persönlichen Besitz, aber nicht zur toten Last werde. Rkose Mendelssohn, der sowohl inbezug auf Verbalinspiration als in seiner Stellung zum Religionsgesetz ganz auf orthodoxem Boden stand, gab seiner Generation den Rat, „die Lasten des Gesetzes zu 'tragen, so gut es geht". Seine Schüler, seine Rinder zeigten, wohin dieser Rat führte. Die Hunderttausende, die seitdem vom sogenannten „gesetzestreuen" Judentum abgefallen sind, reden eine erschreckend deutliche Sprache. Wenn die Religion einmal als Last empfunden wird, dann ist das Ende gekommen. Als auf der Frankfurter liberalen Rabbinerversammlung vor zehn Jahren die Reform der Ehegesetze angeregt und auf die Lhaliza hingewiesen Lvurde, da erhob sich ein noch "heute lebender, angesehener und gelehrter Rabbiner und rief der Versammlung zu: „Mein seliger Lehrer Secharia Frankel hat gesagt, Lhaliza ist ein Unglück, aber wir müssen es tragen." Das Wort erinnerte mich an das böse Wort Heine's: „Das Judentum ist ein Unglück." Wer aber das Judentum als Unglück ansieht, der wird es eben in der Regel nicht tragen. Wir find nicht. auf der Welt, um ein Unglück. zu ertragen. Das Judentum darf von unserem Geschlechte, von unseren Gebildeten, von unserer Jugend nicht als. Unglück sondern als Glück, nicht als Last sondern als Ls alt empfunden werden, sonst erhalten wir sie nicht beim Judentum. Gb unsere Richtlinien die Mission vollbringen werden, die heutige Generation und die kommenden mit größerer Liebe und Eingebung an das Judentum zu fesseln — wir glauben es, wir hoffen es, aber wir können es nicht verbürgen. Wir sind keine Propheten, sowenig diejenigen Propheten sind, die unseren Glauben und unsere Hoffnung nicht teilen. Aber daß, wenn irgend eine religiöse Form, nur das liberale Judentum uns die Zukunft verbürgen kann, das ist der heilige Glaube, der uns zu unserem Werk ermutigt, treibt und spornt. Und dem Nicht-Gläubigen gegenüber ist der Gläubige, dem Tatenlosen der Schaffende immer im Recht. Seien wir Schöpfer und nicht Erschöpfte, Glaubende und nicht Verzweifelnde. Es gibt Aufgaben, die irur durch beflügelten Enthusiasmus gelöst werden können. Mißtrauen zu der eigenen Rraft, Mattherzigkeit ist unser schlimmster Feind. Glauben wir an uns, so werden fie draußen an uns glauben und an das Judentum und an feine Zukunft wieder glauben. Und das Judentum lebt, solange es an sich glaubt.

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