Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Vr. Selrgmann: General-Referat 0 o o o Auf die Absolutheit dieser „ewigen" Wahrheiten kann das Judentum als objektive Religion ebensowenig verzichten wie auf ihre Unwandelbarkeit. Denn das Göttliche dem Gesetz der Entwicklung unterordnen, hieße es der Willkür und dem Zweifel preisgeben, hieße es zur Magd statt zur Herrin zu machen. Neben diesem ewig-göttlichen Gehalt seiner Religion gibt es für das Judentum nur noch ein fundamentales, unerläßliches Oredo, dieconiditio sine qua non seiner Existenz und seiner Existenzberechtigung: Den Glauben an die xrovidentielle Mission Israels, d. h. den 'Glauben, daß die göttliche Vorsehung es an seinen j)latz in der Weltgeschichte gestellt hat, den es nicht verlassen darf, wie der Soldat seine Fahne nicht verlassen darf, den Glauben, daß es die geschichtliche Bestimmung hat, seine Religion in ihrer Reinheit zu bewahren und auszuharren in Treue, Gehorsam und opferwilliger Eingabe durch alle Zeiten und Geschlechter, so wie es schon der große Prophet vor Jahrtausenden in dem klassischen Wort ausgeprägt hat: „Mögen alle Völker wandeln, Jegliches im Namen seines Gottes, wir wollen wandeln im Namen unseres Gottes durch alle Zeiten." (Micha % 5.) Gibt es hinsichtlich dieser grundlegenden Wahrheiten und sittlichen Gebote keine Richtungen und keine Parteien, keine zeitliche und keine räumliche Bedingtheit, sondern nur rin großeseinmütigesIudentum, so tritt das liberale Judentum auf den f)lan, wo es sich um die zeitlich bedingten Ausdrucksformen für die ewig giltigen und gemeinsamen Wahrheiten handelt, mögen diese Ausdrucksformen zeitlich bedingte Glaubensvorstellungen oder zeitlich bedingte Satzungen und Bräuche sein. Allem zeitlich Bedingten gegenüber proklamiert das liberale Judentum das Grundgesetz des religiösen Liberalismus: Die Anerkennung der fortschreitenden Entwicklung. Der Gang dieser Entwicklung des Judentums spiegelt sich in seinem religiösen Schrifttum, von der heiligen Schrift an, die wir um ihres ewig-göttlichen Inhalts willen als Gffenbarungsurkunde kat exochen bezeichnen können, bis auf die religiös-erbaulichen und religionswissenschaftlichen Werke der jüdischen Gegenwart. In diesem Spiegel der lebendigen Religion Israels, in diesem religiösen Schrifttum gibt es ein Unbedingtes und ein Bedingtes, ein Universalistisches und ein j)artikularistisches, ein Autoritatives und ein Diskutierbares. Das Unbedingte, Universalistische, Autoritative ist der religiös-ethische Inhalt, das Bedingte, partikularistische, Diskutierbare ist der dogmatisch-zeremonielle Inhalt der religiösen Literatur Israels. wir machen nicht — wie es zu Zeiten wohl geschah — einen Einschnitt zwischen Bibel und Talmud und erklären die Bibel für göttlich und den Talmud für menschlich, wohl aber ist uns insbesondere die prophetische Offenbarung der Bibel, eben weil in ihr das Religiös-Ethische, das Universalistische, das Ewig-Göttliche zu einem bisher unerreichten und nach unserer religiösen Ueberzeugung unerreichbaren klassischen Ausdruck gelangt, maßgebende religiöse Autorität. was aber berechtigt uns, vom jüdischen Standpunkt aus, in der heiligen Schrift selbst zwischen ewigen Wahrheiten und zeitlich bedingten Lehren, zwischen autoritativen und diskutierbaren Geboten zu unterscheiden und so auch 'der heiligen Schrift gegenüber den Grundsatz einer fortschreitenden Entwicklung zur Geltung zu bringen? was uns dazu berechtigt? Unsere Religionsurkunden selber, aus deren unbefangener wissenschaftlicher Erforschung sich mit unwiderlegbarer ^Wahrheitsmacht die Tatsache