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Liberales Judentum · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 201

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Date
1912-09-01
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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o o . Ar. Srtigrnann: General-Urfrrut 201 den, Gesichtspunkte aufzeigen, um die es sich bei den Richtlinien handelt, indem ich den Spezialreferaten und der Diskussion das Eingehen auf den eigentlichen Inhalt der Richtlinien überlasse. Was wir mit diesen Richtlinien zu erreichen hoffen, das kann nach unserer Ansicht eben nur mit diesen Richtlinien erreicht werden, d. h. mit Richtlinien, die so offen und frei, so klar und wahrhaftig, so besonnen und maßvoll zu den Problemen, auf die es ankommt, Stellung nehmen. Die Richtlinien zerfallen in einen allgemeinen theoretischen und in einen speziellen praktischen Teil; der erstere nimmt Stellung zur religiösen Lehre, der letztere zum religiösen Leben. Wie zur Zeit, als das Judentum nach Verlust seines Staates und nach Abschluß des Talmuds in eine neue Phase seiner' geschichtlichen Entwicklung eintrat, die religiösen Führer den lebendigen Glaubensinhalt ihrer Zeit, teils zur Abwehr gegen fremde Glaubensmeinungen, teils zur Richtlinie für die eigene Glaubensgemeinschaft, in wenigen lapidaren Sätzen aussprachen, ohne diese Sätze zum Dogma erheben zu wollen, wofür innerhalb des Judentums niemals die Neigung und seit Aufhören der autoritativen religiösen Staatsbehörde auch nicht die Möglichkeit bestand'— so haben auch wir — als Vereinigung liberaler Rabbiner — versucht, den lebendigen Glaubensinhalt der jüdischen Gegenwart in einigen markanten Sätzen auszusprechen. Jede Zeit hat die ihr eigentümliche philosophische Weltanschauung, und mit jeder herrschenden Weltanschauung muß sich der Glaube, sofern er ein lebendiger Glaube bleiben will, auseinandersetzen. Und zumal unsere Zeit mit ihrem durch die Forschungen und Ergebnisse der exakten Wissenschaften total veränderten Weltbild, mit ihrem tiefen Einblick in die Kausalität alles Naturgeschehens, mit ihren neu erschlossenen Erkenntnissen der Naturwissenschaft, deren wunderbarer nie dagewesener Aufschwung sie fast zur Alleinherrscherin im Reich der Wahrheit gemacht hat, unsere Zeit, in der die überlieferte Religion, infolge dieser Umwälzungen auf geistigem Gebiete, ihre Anziehungskraft auf die Menschen verloren hat, macht es dem ernsten Theologen zur gebietenden Pflicht, die Religion aus dem Nahmen des alten Weltbildes, mit dem sie Gott sei dank nicht verwachsen ist, herauszunehmen und in das neu gewonnene Weltbild hineinzustellen. Eine Religion wie die jüdische zumal, die auf keine Staatsautorität gestützt ist und der Privilegien der herrschenden Religionen entraten muß, eine Religion, wie die jüdische, die einzig auf ihre innere Wahrheitskraft angewiesen ist und zu allen Zeiten Wert darauf gelegt hat, eine Religion der Erkenntnis zu sein ünd vor dem Richtersxruch der Vernunft zu bestehen, eine solche Religion muß entschlossen auf unhaltbare Glaubensvorstellungen verzichten. Sie kann das umso eher, als ihr wesentlicher Inhalt, ihre ewigen Wahrheiten und ihre ewigen sittlichen Grundgebote durch alle Zeiten und Geschlechter, in allem Fluß und Wandel der Erkenntnisse, unwandelbar geblieben sind, gleichsam die absolute Re-- ligion, die Religion des Universalismus, die in sich die Kraft und! Bestimmung trägt, messianische Weltreligion zu werden. Und so sprechen unsere Richtlinien in ihren ersten Sätzen diese, alle Richtungen und Zeiten im Judentum vereinenden, großen Wahrheiten aus, die — was irrt Wesen des Judentums liegt, das stets mehr eine Religion der Rechtschaffenheitals der Rechtgläubigkeit war — nicht blutleere abstrakte Wahrheiten bleiben wollen, sondern als sittliche Ideale mit sittlichen Forderungen und Geboten sich an die Menschen wenden.

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