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Liberales Judentum · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 200

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Date
1912-09-01
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
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o o o o 200 Dr. SrLigwann: General-Referat keln Mächte verhinderten damals die befreiende Tat, welche günstigeren Umstände machen sie heute möglich? Schon zur Zeit Mendelssohns, als er sein Jerusalem schrieb, und als unter seiner Aegide die Freischule hier in Berlin gegründet wurde, schon zur Zeit Hartwich Wessely s, als er seine Sendschreiben über die neue Jüdische Erziehung in die Welt sandte, schon zur Zeit der ersten Kultusre-. formen in Seesen, Berlin und Hamburg und so fort Und fort hätte man Prinzipien des liberalen Judentums aussxrechen, hätte man Richtlinien aufstellen müssen. wollen wir wieder warten? Nur darum, weil wir keine Chachomim, sondern nur Talmide chachomim sind? warten bis es zu spät ist, bis keiner, keiner mehr übrig ist, der unserer Richtlinien bedarf, weil alle schon ,die Linie überschritten haben, innerhalb deren man sich, überhaupt nach etwas richtet? Line furchtbare Verantwortung laden wir vor der Geschichte auf uns, wenn auch wir wieder diesen einmal uns günstigen, so leicht nicht wiederkehrenden - Zeitpunkt ungenutzt vorüber gehen lassen. vielleicht ist es kein Zufall, daß die großen Meister des vergangenen Jahrhunderts es nicht zur Aufstellung von Richtlinien brachten. Denn es ist ein Gesetz der Geschichte, daß die großen Schöpfer, die die Saaten streuen, nicht die Lrnte erleben. Moses schaute nur das Land der Verheißung, Iosua eroberte es; nicht die Propheten, sondern die Ansche keneses haggedolo haben die Bibel zur Richtlinie, zum Kanon erhoben; nicht die Tannaim und Amoraim, sondern die Saboraim und Gaonim haben den Talmud zur neuen Richtlinie gemacht. Halocho kebassroi die Späteren und nicht die Größeren sind es, nach denen man sich richtet. Auch heute sind, nach einer Zeit schöpferischen Aufschwungs, die Gährungen und Kämpfe des vorigen Jahrhunderts zu einem gewissen Abschluß gekommen. Und so kommen auch wir, wir Aehrenleser hinter Schnittern, um zu sammeln, zu organisieren, schlummernde Energien zu wecken. Hier liegt unsre Kraft. Leugne es, wer kann: Das Judentum der heutigen Zeit mag in tausend Dingen zurückstehen hinter dem früheren Judentum, dem des vorigen Jahrhunderts und dem des Mittelalters; es ist gewiß weniger gelehrt, weniger glaubenseifrig, weniger opferwillig. Aber eines hat das Judentum unserer Zeit vor all den letzten verflossenen Jahrhunderten voraus: Es hat die Kraft und die Energie und den starken willen wieder gefunden, der ihm in der Zeit des demoralisierenden Druckes verloren gegangen war. Es ist erfüllt von dem großen Betätigungsdrang, der sich in den machtvollen Organisationen der letzten Jahrzehnte kundgibt. Sind die äußeren Organisationen: Alliance, Ica, Gemeindebünd, Zentralverein, Hilfsverein, Verband der deutschen Juden, Bne bris-Grden, Zionismus, ebensoviele Zeichen des äußeren Aufstiegs und der Ueberwindung äußerer Zerklüftung und Zurücksetzung, so ist die Begründung der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, so ist unser in der Aufstellung von Richtlinien des liberalen Judentums sich kundgebender Drang nach innerer Organisation des desorganisierten religiösen Lebens, nach religiöser Neugestaltung und Neubelebung ein Zeichen inneren Aufstiegs, eine Manifestation des religiösen Lebenwillens des Judentums. * * * Ich bin mit meinen einleitenden Gedanken zu Ende. Nur mit wenigen, flüchtigen Strichen will ich noch kurz die großen leiten-

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