Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Keligrnann: General-Referat 199 Durch unsere Richtlinien nehmen wir nichts, sondern wir gebe n. VO\v nehmen von den deutschen Juden nur den gefährlichen Stachel des Sündergefühls, das bittere Empfinden: Du bist kein religiöser Jude mehr, wenn du das oder jenes nicht glaubst oder nicht hälft; bitter und gefährlich durch die gewöhnlichen Folgerungen, die daraus gezogen werden: Wenn du schon in dem einen Punkte dein Gewissen betäubst, dann kannst du mit allem brechen, du bist ja doch kein rechter Jude mehr — entweder oder. Wo sollte auch die religiöse Gewissenhaftigkeit halt machen? Indem wir aber unsere Richtlinien aufstellen, geben wir dem deutschen Juden den verlorenen religiösen Halt und nehmen ihm den Vorwand, alle Schranken zu durchbrechen und mit der Schale den Kern fortzuwerfen. Durch unsere Richtlinien geben wir dem deutschen Juden einen gangbaren jüdischen Lebensweg, geben ihm positiv-historisches liberales Judentum. Wollen Sie das Beunruhigung nennen, wohlan! Die Unruhe wollen'wir in das Judentum tragen. Das Fahrwasser des Judentums i st uns z u seicht geworden. Gott gebe, daß wir einen religiösen Sturm erregen, eine machtvolle Aufrüttelung aus dumpfer Gleichgiltigkeit zu neuen jüdischen Impulsen. -i- * * Aber das Schisma. Ein lächerlicheres und hohleres Schreckgespenst als dieses Wort hat nicht so leicht irgendwo gespukt. Und doch 'übt das Wort einen Terrorismus aus von lähmender Wirkung — wie das Gespenster wohl zu tun pflegen. So viel daran wahr ist, besteht es h e u t e schon — nach zwei Seiten. Die separatistische Orthodoxie erklärt sich' heute schon und seit S. R. Hirsch als das katholische Judentum, und am liebsten wäre ihr die vollkommene Separation. Nach der andern Seite besteht in der Tat eine unwesentliche dogmatische Verschiedenheit und eine Verschiedenheit in der Lebensführung zwischen uns und de^r Orthodoxie. Diese Verschiedenheit hat aber nicht auf unsere Richtlinien gewartet, um zu existieren. Unsere Richtlinien sprechen nur das aus, was in Wirklichkeit ist. Sie schaffen nichts neues. Ist das Aussprechen der Wahrheit so gefährlich? Wiegt das A u s s p r e ch e n der Tatsache schwerer als die Tatsache selbst? Was uns 'betrifft, wir wollen und wir werden uns nicht scheiden. Wir wollen die Aufrechterhaltung der Einheit des Judentums, uns verbinden so viel wesentliche, religiöse, historische, gefühlsmäßige, soziale, starke Fäden mit dem Gesamtjudentum und vor allem dem gesamten deutschen Judentum, daß die Zerreißung dieser starken Fäden ein Verbrechen am Gesamtjudentum wäre. Wie durch unsere Richtlinien ein Schisma entstehen sollte, weiß ich in der Tat nicht. Wenn wir positiv-religiöse Forderungen stellen, wenn wir aufrütteln wollen aus der jüdischen religiösen Teilnahmlosigkeit — stören wir da die Einheit des deutschen Judentums? Ich komme zum letzten Einwand. Sind wir — durch unsere Bedeutung — berechtigt, Richtlinien aufzustellen? Kleine Herren Kollegen! Ich glaube, die Frage ist falsch gestellt. Rtan kann Höchsteris fragen: Warum haben die Anderen, die Größeren, die Gelehrteren, das nicht getan, was wir tun müssen, weil sie es nicht getan? Oder — um nicht anzugreifen — welche ungünstigen Verhältnisse, welche dun-