Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Ar. Srtigmann: General-Referat oo o o giösen Einrichtungen, für die man sich mit j aller Kraft einsetzt, stärker benutzt und die Gebote strenger beobachtet? 3ft das ein Normalzustand, daß infolge der religiösen Prinzipienlosigkeit des liberalen Judentums in überwiegend liberalen Gemeinden orthodoxe Rabbiner angestellt werden, welche ein Judentum vertreten, das 99/ioo ihrer Gemeindemitglieder als für sie nicht verbindlich ansehen? Und daß in anderen Gemeinden eine besondere Spezies von Rabbinern das von ihrem offiziell vertretenen liberal-orthodoxen Standpunkt aus u n j ü d i s ch e Leben ihrer Gemeindemitglieder ignorieren und indulgieren und kein Wort mussar auf Kanzel und Katheder gegen das, was in ihren Augen Sünde sein müßte, zu sagen sich getrauen? Und daß man sich über all diese Ungeheuerlichkeiten, als wären es die selbstverständlichsten Dinge der Welt, nicht einmal aufregt oder verwundert? Entweder manhält das Religionsgesetz für bindend, dann bestehe man als Rabbiner darauf, daß dasselbe gehalten werde vom Gemeindevorsteher bis zum letzten Mann der Gemeinde, dann trete man dafür ein auf Kanzel und Katheder mit seiner ganzen Persönlichkeit. Gder man hält es für entbehrlich, man spricht dem nicht die Frömmigkeit, nicht den Namen eines guten Juden ab, der sich davon emanzipiert hat, dann habe man den sittlichen Mut der Wahrhaftigkeit, dann erkläre man offen und laut für entbehrlich, was man bisher üur durch beredtes Schweigen als entbehrlich anerkannt hatte. Unerträglich aber ist der religiöse Notstand, daß die überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden sich tatsächlich losgesagt hat von einem Judentum, das trotzdem offiziell aufrecht erhalten wird. Dazu kommt, daß bei einem großen Teil derer, die die alten Gebräuche noch halten, dies alles meist ein Tun ohne Glaube und Begeisterung ist, ohne innere Befriedigung, vielfach nur geübt aus mechanischer Gewohnheit oder aus äußerlicher Rücksichtnahme, aus Menschenfurcht, aber nicht aus Gottesfurcht. . Das ist die wahre und eigentliche Zerrissenheit im Judentum, das ist der Zwiespalt, den nicht wir durch unsere Richtlinien schaffen, sondern nur endlich einmal aufdecken, um zu heilen, was zu heilen ist, um zu erhalten und zu retten, was zu erhalten und zu retten ist. Der gegenwärtige Zustand ist ein sittlicher Notstand und legt uns die sittliche Verpflichtung auf, auf bisher unbeschrittenem Wege den Versuch zu machen, ihm zu steuern. Dürfen wir mit verschränkten Armen Zusehen? Sollen wir, die berufen sind zu heilen, die Hände in den Schoß legen und alles der Zeit, die ohne treibende Menschen eine Phrase ist, oder mit frommem Augenaufschlag dem lieben Gott überlassen? Hier ist Schwäche ein Verbrechen, hiev ist Feigheit eine Unsittlichkeit. Wir müssen in dieser zerfahrenen Zeit unseren Brüdern und Schwestern die Linien zeigen, nach denen sie sich heute, in dieser Zeit zu richten haben. Das bedeuten .unsere Richtlinien für das liberale Zudentum. Wir müssen den deutschen Zuden ein Judentum zeigen, das sie halten und an das sie glauben, dem sie in Wahrhaftigkeit angehören können. Wir müssen — nicht aus Anpassung an dio Zeit, nicht aus irgend welchen äußeren Motiven — sondern um der Erhaltung der Religion willen, offen und frei dem entsagen, was nicht mehr zu halten ist, was nicht mehv lebt. Wir müssen die Last des Judentums erleichtern, die erst heute so schwer geworden ist, wie sie in früheren Zeiten, in andern Lebensverhältnissen niemals war und niemals sein sollte. Wir müssen, als religiöse Führer, aussxrechen, wozu sie sich in ihrem Gewissen verpflichtet fühlen müssen und wozu nicht.