Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Seligmann: General-Referat 197 nahe gar nicht anders kann, als orthodox, | d. h. nach dem Schulchan Aruch, entscheiden? In welchen Konflikt mit seinem Gewissen, mit seiner Ueberzeugung gerät so der liberale -Rabbiner? Schreien nicht die, für Jeden, der sich nicht blind machen will, unhaltbaren Zustände nach einer Abhilfe? Drängen nicht die Probleme des Judentums nach einer Lösung? Soll der liberale junge Kollege, der ins. Amt tritt, ratlos dastehen? Mas soll er lehren? Mas soll er predigen? Mie soll er entscheiden? Mas soll er fordern? Wie weit darf der einzelne gehen? Im Seminar hört er von allen möglichen Dingen, nur nichts von denen, die am meisten nottun. Lebensfremd steht er bei seinem Eintritt ins Amt dem wirklichen Leben der Iudenheit gegenüber, ohne Führer, jeder zufälligen Strömung xreisgegeben. Trotz des liberalen Rabbinerverbandes gibt es keine gemeinsamen religiösen Prinzipien und keine gemeinsame religiöse Praxis. Soll wirklich Jeder tun, was in seinen Augen recht ist? Soll dem wüsten Subjektivismus der unbeschränkten religiösen Anarchie Spielraum gelassen werden? Marum wandten sich so viele ernste Rabbiner von ausgesprochen liberalem Sinn der Orthodoxie zu? Weil es in Wahrheit keinen offiziellen Liberalismus im Judentum gab, weil das orthodoxe Judentum die einzige organisierte Form des religiösen Judentums war. ' Dieser religiösen Not des liberalen Rabbiners wollen unsere Richtlinien ein Ende machen. * ri- Aber nicht nur für uns, auch für die Gemeinde, für das Volk, für die deutschen Juden sind diese Richtlinien eine Notwendigkeit. „Man soll keine Beunruhigung tragen in die deutsche Iudenheit." Gewiß t Aber was ist die größere Beunruhigung, der heutige religiöse Zustand.dev deutschen Juden, die Totenruhe auf religiösem Gebiete, die eisige Teilnahmlosigkeit, die Zerfahrenheit oder die kraftvolle Aufrüttelung aus dem Todesschlaf? Die Friedensschalmei, die im deutschen Judentum nun schon seit sechzig Jahren ertönt, hat die deutsche Iudenheit in Schlaf gelullt. Ist das ein Idealzustand, den man konservieren dürfte, konservieren müßte? Hat der Stillstand der liberalen Bewegung — weit entfernt, dem altfrommen Judentum zu statten zu kommen, nicht — zusammen mit anderen Faktoren — den Indifferentismus großgezogen? Der amerikanische. Rabbiner Lalisch, der in seiner Heimat über das europäische und besonders deutsche Judentum nach eigenen Betrachtungen einen Vortrag hielt, sagte: „Die Verzagtheit des offiziellen Judentums, irgendwelchen Fortschritt anzuerkennen, die lähmende Furcht vor den Folgen, die dazu treibt, sich hinter zeremonielle Schanzen zu flüchten und sich 'hartnäckig zu weigern, in die Arena moderner Anschauungen herauszutreten, sie ist es, die das denkende Element zu dem einen oder anderen Extrem treibt, entweder zur vollständigen Gleichgiltigkeit und Teilnahmlosigkeit, von wo es nur eines kleinen Schrittes bis zum Abfall bedarf, oder zur pfeudoromantik des "Zionismus." Die große Kunst des Schweigens, in der wir es bis Hur Virtuosität gebracht haben, hat das Religiöse nicht gestärkt,, sondern eine immer schlimmere Verödung und Teilnahmlosigkeit über die deutsche Iudenheit gebracht. Man hat geschwiegen, mat hat geliebäugelt mit der Orthodoxie, man hat sich eingesponnen in die lebensfremde Romantik der Vergangenheit. Mas hat es genutzt? Sind unsere Gemeinden, unsere Juden frommer geworden? Sind sie von ihrem religionentfremdeten Leben zurückgekehrt? Hat die Heiligung des Sabbat und der Festtage weitere Kreise gewonnen? Werden die reli-