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Liberales Judentum · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 195

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Date
1912-09-01
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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o o o o 195 Ar. SeUgrnmm: General-Referat und darum Großes werden soll, muß der Einzelwille vor dem Gesamtwillen zurücktreten. wer den Segen der Organisation erfahren will, muß die Kraft und die Weisheit des „sich schickens" üben. Ich verwahre mich aber mit aller Entschiedenheit dagegen, daß diese meine Worte so aufgefaßt und gedeutet werden könnten, als wollte ich jedwede Kritik, sei es prinzipieller Art, sei es einzelner Punkte, verhindern oder einschränken. Diese Versammlung ist dazu da, zu prüfen und Kritik zu üben. Es werden wohl auch Amendements gestellt werden, die diskutiert und beraten werden sollen. Nur dagegen lege ich Verwahrung ein, daß etwa jede kleine taktische Differenz als entscheidende Prinzipienfrage empfunden, daß jede stilistische Lappalie zu einer Staatsaktion aufgebauscht werde. Denn das könnte nur den Erfolg haben, daß diese ganz große Sache mit dem Fluch der Lächerlichkeit beladen und totgemacht würde. Es gibt Autoren, die mit ihrem ersten Buch nie fertig werden, und es gibt Werke, an denen so viel gefeilt und verbessert, so viel erwogen und wieder erwogen wird, daß sie nie das Licht der Welt erblicken. Etwas Wagemut und sicheres Sebstvertrauen gehört zu jeder Tat. Das ist Schwäche und Feigheit, vor lauter Zögern und Schwanken, vorlauter Umherspähen nach allen Seiten zu keiner Entschließung zu kommen. „Der angebor'nen Farbe der Entschließung wird des Gedankens Blässe angekränkelt." An diesen Richtlinien ist wahrlich genug gearbeitet worden. Sie sind nach Inhalt und Form nicht das Werk einer Feder und nicht das Erzeugnis und der Einfalt einerimpulsiven Stunde. An ihnen haben in monate- — ja in jahrelanger Beratung unsere besten jüdischen Köpfe mitgearbeitet. Ursprünglich hervorgegangen aus den Beratungen der von der Vereinigung für das liberale Judentum in Nürnberg vor zwei Jahren eingesetzten Fünfzehnerkommission, wurden sie von der durch Sie vor mehr als einem halben Jahre eingesetzten Rabbiner- Kommission umgearbeitet und aufs neue in monatelanger umfangreicher Korrespondenz und Kommissionssitzung durchberaten und verbessert. Jedes Wort wurde auf die Wagschale gelegt, jeder Gedanke hundertfach geprüft und erwogen; und so erscheinen die Richtlinien heute vor Ihnen — gewiß nicht mit dem Einspruch etwas Vollkommenes, allen Wünschen gerecht werdendes zu bieten — das ist nicht denkbar; aber mit dem Anspruch, von Ihnen mit dem Wohlwollen, mit d e r Unvoreingenommenheit, mit dem Ern st ausgenommen zu werden, den jahrelange ernste Arbeit und den die Namen der Ulänner, die dahinter stehen, zu fordern berechtigt sind. -i- * -i- Ich wende mich zu den ernsten und gewichtigen Einwänden, die die Notwendigkeit, Berechtigung und Opportunität von Richtlinien überhaupt bestreiten. Kleine Herren Kollegen! Richtlinien zu einem Programm des liberalen Judentums aufstellen, heißt die theoretischen Prinzipien des liberalen Judentums aussprechen und zeigen, wie diese Prinzipien im religiösen Leben Form und Inhalt gewinnen sollen. Auf der Rabbinerversammlung zu Frankfurt a. Kt. im Jahre \8^5 erklärte Zacharias Frankel, ohne Prinzip sei alles nur eine privatmeinung. „Das Volk ist somit berechtigt, von uns vor allem die Darlegung unseres Prinzips zu fordern. Die prinziplosigkeit ist der 'größte Feind des Glaubens und muß von allen Seiten und mit aller Kraft bekämpft werden. Das ernste Reformieren ist überall ein Aufbauen, so aber nicht das ohne Prinzip Reformieren."

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