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Liberales Judentum · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 194

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Date
1912-09-01
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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194 Ar. Srlrgmanrr: General-Referat Und vor allem — für wen sollen diese Richtlinien Bedeutung haben? Für wen sind sie notwendig,? Für diejenigen, die noch einigermaßen auf dem Boden des alten Glaubens und Religionsgssetzes stehen? Sollen sie die zum Abfall von ihrem frommen Glauben und Tun, zur Lockerung ihrer pflichttreue, zur Leichtfertigkeit erziehen? Gder für diejenigen, die bereits die meisten religiösen Fesseln abgestreift haben? Sollen wir dem Unfrommen, dem Gesetzesübertreter auch noch einen Freibrief ausstellen und der religiösen Anarchie unsere rabbinische Sanktion erteilen? Men werden unsere Richtlinien * befriedigen? Die Linen sind längst darüber hinausgeschritten und rufen uns höhnisch zu: „Mas kannst Du armer Teufel geben" — was ich mir nicht längst, ohne dich, in zehnfachem Maße genommen habe? Die Anderen, die Frommen, werden uns Rabbinen das bischen Vertrauen, das wir bis jetzt noch besaßen, auch entziehen und sich nicht im mindesten nach uns richten. Vestigia terrent. Die Erfahrungen des vorigen Jahrhunderts, die Erfolge der Rabbinerversammlungen und Synoden sollten uns gewarnt haben. Eure Richtlinien werden nicht der Erhaltung sondern der Auflösung des Judentums hie Mege ebnen. — Auf noch einen Einwand sind wir gefaßt. Mit welchem Rechte, so rufen uns Manche zu, werfet gerade i h r euch, das heutige Geschlecht der Rabbinen, zu Reformatoren auf? Mer gibt euch die Autorität, die Befugnis? Mer seid ihr, die kleinsten der Meinen, um euch herauszunehmen, wovor die Größten der Großen zurück'schreck'ten, und was sie nicht erreichten? Und endlich — noch ein letzter Einwand, der zwar nicht mehr zu der allgemeinen Frage, ob Richtlinien oder nicht, gehört, sondern schon auf den Inhalt der Richtlinien selbst Bezug zu nehmen scheint, den ich aber, weil ich nun einmal bei den allgemeinen Einwänden halte, im Zusammenhang mit diesen kurz berühren möchte, und den man etwa folgendermaßen formulieren könnte: Zugegeben, daß Richtlinien an sich berechtigt und notwendig sind, aber dieser euer Entwurf von Richtlinien ist in Bausch und Bogen abzulehnen. Diese Richtlinien sind — zu radikal, sagen die Einen, zu zahm, die An- . deren; sie sind zu eng und — zu dehnbar, zu nichtssagend und — zu vielsagend, zu wissenschaftlich und — zu unwissenschaftlich, zu populär und — zu unpopulär, zu abstrakt und — zu konkret, zu theologisch und — zu untheolögisch, überhaupt überflüssig in dem, was darin steht und — dürftig in dem, was nicht darin steht. Möglich, daß alle diese Vorwürfe richtig sind. Aber, falls Sie unsere Arbeit jn Bausch und Bogen verdammten, was käme dabei heraus? Menn von anderen Kollegen andere Richtlinien ausgearbeitet würden, dann, fürchte ich, würden gegen diese — von anderer Seite dieselben Vorwürfe erhoben werden können; denn nichts auf der Melt ist vollkommen und wir müssen uns bescheiden, das Erreichbare angestrebt zu haben. Richtlinien können welchen Inhalt und welche Form nur immer haben, es gibt immer Leute, denen sie nicht gefallen. Jeder von uns hat nun einmal von Natur seinen eigenen Kopf und sein eigenes Temperament und seine eigene individuell gefärbte religiöse Nüance und sein eigenes stilistisches Formgefühl. Mill Jeder seinen Kopf durchsetzen, so kommt eben nichts zustande. Das ist aber die Bedeutung gerade einer solchen Versammlung wie diese hier, daß wir merken: es ist unmöglich, daß Jeder mit seiner Ansicht durchdringt. Hier müssen wir die Disziplin der Selbstbeschränkung lernen. Und überall, wo in der Melt ein Gemeinsames

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