Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 191 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Ziegler : Aas jüdische Religionsgesetz und liberales Judentum 191 ganze weitere Entwicklung sich hinzieht. Aber auch bei diesem Prinzip gilt naturgemäß dasselbe, was ich bei den zwei vorhergehenden gesagt habe. Das Tat -Prinzip ist ewig,. was ich aber unter Tat verstehe, welche Tat ich da als die richtige ansehe, ist der Zeit anheimgegeben. „Tuch ist der Sabbat überwiesen, nicht ihr seid es dem Sabbat" (Mechilt.a \09 b). Das will sagen, die Sabbatheiligung ist ein grundlegendes Prinzip ' des Judentums, wie ich diesck Heiligung vollziehe, bleibe inein Ermessen; was die Vorväter als Entweihung angesehen haben würden, ist nur vielleicht. Heiligung, und umgekehrt mag für inein Gefühl als Entweihung gelten, was die Ahnen eine Heiligung genannt haben. Was ist nun ein Religionsgesetz? Die vergängliche jeweils zeitgemäße Durchführung des ewigen Tatprinzips. Damit wird jeder, der inein Buch aufmerksam liest, alles klar finden und nirgends einen Widerspruch. Dem Judentum ist das Tatprinzip genuin, ist ursprünglich, das Gesetz oder die Gesetze sind nur die Verwirklichungen des Prinzips, die, nach der Lehre des liberalen Judentums, dem Wandel mit Recht unterworfen sind. Das sind jene Verwirklichungen, die in einer Zeit wie die unsere ist, die alles verfeinert und vergeistigt, unmöglich "dieselben bleiben können, wie sie den Vorfahren passend und richtig erschienen. Ein kleines Beispiel aus meinem eigenen religiösen Leben. Schaufäden und Tefillin sind beide vevgegenftändlichungen des Wortes, der Gebote Gottes stets zu gedenken. Ich weiß nicht, ob es noch einen Orthodoxen gibt, dem die Schaufäden die Erinnerung wirklich vermitteln, aber Tefillin und Mesusa tun das selbst mir noch. Wasich also fordere, .ist: Das Tatprinzip erhalten, die Gesetze vereinfachen und intellektualisieren. Wo steckt da eine Irreführung des liberalen Judentums? Das Gegenteil ist wahr. Ich glaube, eine Richtlinie gegeben zu haben, auf die sich das gesamte liberale Judentum einigen kann und soll. Wer sagt: „Gesetz ist Gesetz. An einem Gesetz läßt sich kein Iota rauben. Wem das Gesetz nicht unverbrüchlich, ist, wer Wertunterschiede an dem Inhalt des Gesetzes feststellt, der steht in Wahrheit nicht mehr auf dem Standpunkt des Gesetzes", wer das behauptet, hat die Frage nicht in ihrer ganzen Tiefe erfaßt und ist ihr nicht auf den Grund gegangen. Meine „A b e r" beziehen sich nicht auf das Tat p r i n- -zip, sondern nur auf die Gesetze, die aus dem Tatprinzip flössen, denen das liberale Judentum keine Ewigkeitsrechte zugesteht. Ich möchte doch jeden liberalen, allerdings nicht aus bloßer Bequemlichkeit und Negation, sondern aus echter Religiosität liberalen Juden fragen: Warum bist du nicht orthodox? Sind es nicht ungezählte „aber", die ihn zwangen, die Orthodoxie zu verlassen!? Und wenn Sie, sehr geehrter Herr Dr. Seligmann, und mit Ihnen das gesamte deutsche liberale Judentum, sich dennoch scheuen, die letzten Konsequenzen ihres religiösen Liberalismus zu ziehen, ist es nicht, weil tausend „aber" ihr Innerstes bewegen? Liberales Judentum soll ja.kein Spiel, keine Tändelei sein, sondern tiefer heiliger Ernst, Lebensfragen des Judentums, müssen da nicht an jeden von uns soundsoviel e „aber" heranstürmen und immer neue Fragen und Zweifel aufwerfen?! Das Tatprinzip des Judentums ist ewig, die aus ihm erflossenen Gesetze sind vergänglich. Welche sind es und in wiefern sind sie es? Mit diesen Fragen hat das liberale Judentum ins Reine zu kommen. Das ist ein wesentlicher Teil des eigentlichen Inhalts meines Buches. * * *