Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 190 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Ir. Ziegler: Mas Jüdische Nrligionsgesetz rmd liberales Judentum über den innern Zusammenhang desselben mit Euckens Geistesreligion. Jedoch, Sie haben recht: der Kernpunkt meines Buches ist tatsächlich, dem liberalen Judentum eine feste unverrückbare Stellung zum „Gesetz" zu geben. Dieser s)unkt ist die eigentliche Lebensfrage des modernen Judentums, die man unermüdlich besprechen und immer aufs neue von allen Seiten beleuchten soll. Darum gestatten Sie mir, hier auf diese Frage etwas ausführlicher einzugehen. * * Die Grundanschauung des liberalen Judentums, der es sein Existenzrecht dankt, geht dahin, daß in jeder Religion, also auch irrt Judentum, Ewiges und vergängliches untereinander gemengt ist, und daß es nicht nur Recht, sondern, im Interesse der Religion und ihrer Bekenner, sogar Pflicht der führenden Männer sei, das Ewige vom vergänglichen sorgsam zu scheiden, ersteres immer kräftiger hervorzuheben und herauszuarbeiten, letzteres, wenn nötig, zu entfernen, durch anderes Zeitgemäße zu ersetzen. Die Frage ist eben nur die,^ was in einer Religion ewig, was vergänglich sei. Nach meinem Dafürhalten hat das Judentum drei ewige Hauptideen: Gott, Sittlichkeit, Tat. Daß Gott ist, daß der Mensch mit einer höheren ^-Weltordnung in Verbindung stehe, ist der erste ewige Grundsatz unserer Religion. Wie jedoch diese Gottheit aufzufassen sei, wie der Mensch zu ihr sich stelle, ist wandelbar. Der Gott Mosis war sicherlich nicht der des Micha aus der Richterzeit, aber auch nicht der des zweiten Jesaja. Ein Haupterfordernis jeder Religion, die als lebendige Kraft wirken will, ist ihre Uebereinstimmung mit dem jeweiligen Kulturstand. Es darf ohne weiteres das „Wie" auch des jüdischen Gottesbegriffes zur Zeit Schleiermachers eventuell schleiermacherisch und ^ur Zeit Euckens euckenisch sein, vorausgesetzt, daß. ihr „Wie" der Gottesidee Weltbedeutung besitzt und auch dem Judentum etwas zu sagen hat. Oder sind wir mit der Gottesidee wirklich schon am letzten Ziele angelangt? Ich hätte nicht den Mut, angesichts des Geisteslebens unserex Zeit das so schlankwegs zu bejahen. Die zweite Grundlehre des Judentums ist die I d e n t i f i z i e r u n g d e r Gottheit mit der Sittlichkeit, der göttliche Tharakter des sittlichen Prinzips. Aber was der Mensch unter dem Sammelwort „Sittlichkeit" versteht, ist allezeit fließend. Es mochte wohl eine Zeit gegeben haben, wo der Schutz des 6er in Israel noch kein göttliches Gebot war - und der Nochri fast vogelfrei betrachtet wurde, wie es eine Zeit gab, wo Ribbis verboten war selbst als gewöhnliche Zinsennahme, eine andere wieder, die unter Ribbis nur Wucherzinsen verstand. Das beeinflußt natürlich das Prinzip nicht im mindesten: Die Idee der Sittlichkeit ist göttlich. Das dritte Leitmotiv des Mosaismus nenne ich die Tat, d. h. jenes Prinzip, wonach jeder religiösen Idee ihre Verkörperung, ihre Materialisierung durch die Tat auf den Fuß zu folgen habe. Vielleicht am klassischesten ist das zu demonstrieren an dem Lobeina (Deut. 6/^ ff.). Zwei religiöse Ideen werden da verkündet: .Achdus, die Einzigkeit Gottes; 2. Ahawo, die Liebe zu Gott. Diese zwei Ideen sollen in deinem Herzensein, verlangt Moses. Damit sie es aber seien, mußt du sie materialisieren, vergegenständlichen. Und zwar folgendermaßen: \. als Limmud Belehrung („schärfe sie ein deinen Kindern"); 2. als Tefillin und 3. als" Mesuso. Das ist nicht eine mehr oder minder geistvolle Homilie, sondern ein Grundsatz, der als usebsniartsNi waasisem immer wiederholt wird und gleich einem roten Faden durch den ganzen Pentateuch und die