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Liberales Judentum · 1912-08-01 · Heft 8 (August 1912) · p. Seite 189

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 8 (August 1912)
Date
1912-08-01
Page
Seite 189 (sequence 21)
Language
German
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Ar. Ziegler: Aas jüdische Religiansgesetz und liberales Judentum 1 89 heißt sie verneinen, heißt aber auch gleichzeitig den blassen Spekulationsprodukten, die sich für Religion ausgeben, das vernichtende Urteil sprechen. Ich rechne es Montefiore hoch an, daß er unbekümmert um alle intellektuellen Undurchsichtigkeiten, die mit der Frage des Gebetes gegeben sind, mit sicherem religiösem Empfinden an der einzigartigen Bedeutrmg des Gebetes für ein lebendiges liberales Judentum festhält. Nur so kann es Freunden und Feinden wieder zum Bewußtsein gebracht werden, daß.es sich auch bei dem liberalen Judentum als einer Religion um etwas Geheimnisvolles, Ehrfurchtgebietendes handelt, das sich nie ganz in deutliche Begriffe auflösen läßt. Und weil RIontefiore von diesem Glauben durchdrungen ist, bekämpft er auch einen bei uns eingerissenen Vernunftdünkel. Das Judentum pocht allzu sehr auf seine Rationalität, ohne zu bedenken, daß wo wirkliches Leben vorhanden ist, auch Widersprüche sich finden müssen, und daß die Herrschaft des Rationalen eben dort aufhört, wo das Leben beginnt. Die alten Weisen, sagt Montefiore, schreckten vor Widersprüchen nicht zurück. Ihre Religion war zu lebendig, um sich vor solchen zu fürchten. — — Es ließen sich noch viele andere Züge an dem reichen Werke Rkontefiores hervorheben: ein in jüdischen Schriften selten anzutreffendes Verständnis für die Bedeutung der Askese; die würdevolle Auseinandersetzung mit dem Christentum und die Beurteilung der Persönlichkeit Jesu; die Begründung des in tieferem Sinne legalistischen Charakters auch des liberalen Judentums und die von glaubensstarkem Leben getragenen Ausführungen über die Rkission Israels. Nicht zum wenigsten ist auch noch 'der auf tiefer psychologischer Einsicht ruhenden Darlegungen über die sittlich religiöse Bedeutung der überlieferten Formen und Feste zu gedenken. Vielleicht komme ich auf alle diese Fragen noch einmal später zurück. Heute will ich nur mit dem einen dringenden Wunsche schließen: es möchte so bald als möglich das Buch 'Rlontefiores in einer Uebersetzung einem weiteren deutschen Leserkreise zugänglich gemacht werden. Ich'sollte meinen, es wäre eine Ehrenpflicht des liberalen Judentums dieses ausgezeichnete Werk auch in die Hände derjenigen gelangen zu lassen, die mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele für sich und für ihre Rinder den Weg zu dem Gotte Israels zurückzufinden suchen. j)rof. Dr. I. Goldstein-Darmstadt. Das jüditche Keligiansgesetz und liberales Judentum. Von Dr. J. Ziegler-Karlsbad. Sehr geehrter Herr Dr. Seligmann! n Ihrer ausführlichen und eingehenden Würdigung meines Buches: „Die Geistesreligion und das Jüdische Religionsg es etz" machen Sie meinem Buch den Vorwurf, „daß es im höchsten Grade irreführend ist, eine Irritierung des religiösen Liberalismus" und behaupten: „Ziegler segelt unter einer falschen Flagge. Seine Schiffsladung ist liberales Judentum, seine Flagge aber ist die Orthodoxie". Sie werden mir zugeben, daß ich diese schweren Anklagen bei aller Anerkennung des Kritikrechts zu entkräften bemüht fein muß. Zwar hätte ich allen Grund, mich ein wenig auch mit Ihren Auseinandersetzungen zu beschäftigen über das erste Kapitel meines Buches,

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