Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 188 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Msnlefisrr's Umrisse des liberalen Judentums sollen. Denn Montefiore ist sich des versuchbasten Lharakters seiner Schrift in fast übertriebener Bescheidenheit bewußt. Er will nur Pionierarbeit leisten. Wir aber können uns glücklich schätzen, daß unsere Sache einen so gottinnigen Menschen wie Montefiore zu ihren Pionieren zählen darf.- Ich habe Montefiore einen gottinnigen Menschen genannt. Mhne solche gottinnige Menschen vermag keine religiöse Bewegung zu bestehen — am wenigsten das liberale Judentum. Was nämlich bisher bei Feind und leider auch manchmal bei Freund so geheißen wurde, war ein Mangel an Gottesglaube, war eine Art Subtraktion vom orthodoxen Judentum. Selbst der obgedachte Freund Montefiores ist noch in der Auffassung befangen, das liberale Judentum käme durch eine Art Subtraktion vom orthodoxen Judentum zu stände. Dieser Auffassung kann nicht oft und nicht scharf genug widersprochen werden. Ls ist das besondere Verdienst der Montefiore'schen Schrift, erwiesen zu haben, daß das liberale Judentum gleich dem orthodoxen, ein organisches Ganze ist, daß es sich vom orthodoxen bei aller Gemeinsamkeit gewisser Grundüberzeugungen nicht quantitativ, sondern qualitativ unterscheidet. Und ich begrüße es freudig, daß dieser Nachweis nicht von einem offiziellen Schriftgelehrten der theologischen oder philosophischen Fakultät geführt worden ist, sondern von einem Cctien, der mit unverbildetem Instinkt in schlichter Menschlichkeit die Forderungen des Jüdischen religiösen Bewußtseins ausspricht. Denn nur diesem Umstand haben wir es zu danken, daß das Judentum hier endlich einmal wieder den Mut zu sich selbst, den Mut zu seinen reli- .giösen Wahrheiten gefunden hat: daß der Glaube an den Schöpfer-Gott, der Glaube an die Bedeutung des Gebetes, der Glaube an die Freiheit und Unsterblichkeit der Menschenseele, daß alle diese unverlierbaren Lehren des Judentums, für die unsere Väter lebten und starben, mutig in den Vordergrund gerückt worden sind und nicht vor irgend einer philosophischen Methode flüchten und sich verflüchten mußten. Beinahe ein Jahrhundert hindurch hat das nicht-orthodoxe Judentum es sich gefallen lassen müssen, die Magd der Philosophie zu sein und noch dazu einer Philosophie, die nach dem ganzen Ansatz ihrer Problemstellungen und den Möglichkeiten ihrer Problemlösungen Mit der Religion als Erfahrung gottsuchender Menschen nichts anfängen konnte. Man hat geglaubt, dem Judentum einen Dienst zu erweisen, wenn man es rationalisierte, d. h., wenn man alles das als wesenlos darstellte, was wesenhaft religiös in ihm ist. So konnte das Judentum schließlich eine Sache der Ethik werden oder eine Sache der Rasse oder eine Sache der Nationalität. Montefiore ma cht es wieder zu einer Sache der Religion, des religiösen Lebens und Erlebens, der religiösen Erfahrung. Er ist bemüht, überall den Lebensgehalt der religiösen Ideen hervorzukehren und nur soweit die religiösen Ideen gelten zu lassen, als sich in ihnen noch ein Lebenswert für uns erweisen läßt. Und weil ihm in der Religion und im Judentum, das Leben und die innere Erfahrung das Wesenhafte ist, deshalb tritt er auch mit eindringlichen Worten für die Bedeutung des Gebetes ein. Das Gebet ist Religion in Aktivität, ist der u r s p r ü n g l i ch st e Ausdruck der Religion. Man lege sich nur bei allen heutigen religionsphilosophischen versuchen des Kritizismus oder des Monismus, die Gott zu einer Idee oder zu einer unpersönlichen Substanz verflüchtigen, die Frage vor: chat das Gebet hier noch einen Sinn? Kann ich zu einer Idee beten, kann eine Idee mich „mit Gnade und Barmherzigkeit krönen und mein Leben l vom verderben erlösen?" Die Frage stellen.