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Liberales Judentum · 1912-08-01 · Heft 8 (August 1912) · p. Seite 187

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 8 (August 1912)
Date
1912-08-01
Page
Seite 187 (sequence 19)
Language
German
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o o o o ZNsntefiorr's Umrisse des liberalen Judentums 187 ziehen könne. Diese Ideen wären, so meinte er, zu philosophisch, zu unbestimmt und gestaltlos, um bei Kindern ein lebendiges religiöses und jüdisches Bewußtsein zu erwecken. - Kinder könne man nur in dem Glauben des orthodoxen Judentums erziehen — er selbst sei in diesem Glauben erzogen worden und habe sich später zum liberalen Judentum hinentwickelt. So wolle er es auch bei seinen Kindern halten. Der Fall hat typische Bedeutung. Wie oft habe ich ähnliches aus dem Munde deutscher Eltern hören müssen. Wir alle, die es mit dem religiösen Judentum ernst nehmen, und die aus innerer Wahrhaftigkeit nicht mehr dem Gedankenkreise der Orthodoxie angehören können, stehen vor dieser wichtigsten - aller Lrziehungsfragen: Wie führen wir unsere Kinder zu einem lebendigen Judentum, in dem das große geistige Erbe der Vergangenheit erhalten bleibt, in dem unser Gott und der Gott unserer Väter die jungen Seelen ergreift, in dem aber auch gleichzeitig der vollständig veränderten geistigen Lage, der vollständig veränderten Haltung zur Bibel, zur Natur und Geschichte Rechnung getragen ist? Wenn wir glauben, daß in der religiösen Bewegung, der diese Zeitschrift dienen soll, das Judentum in seinen Ewigkeitsforderungen versöhnt ist mit den unabweislichen Forderungen unserer Gegenwart, dann ist die 'Erziehungs- Frage die Lebensfrage des liberalen Judentums. Denn alles übrige muß zurücktreten vor der einen Notwendigkeit: ein neues Geschlecht zu erziehen, das seines jüdischen Glaubens froh ist und das die bserzensfrommheit unserer Vorväter mit dem Kulturbewußtsein dieser Weltepoche in innerer Einheit besitzt. Montefiore ist sich des großen Augenblicks bewußt. Er erkennt die Haltlosigkeit der Forderung seines Freundes, man müsse auch als liberaler Jude seine Kinder im Geiste des orthodoxen Judentums erziehen. Aber die Eltern waren orthodoxe Juden und glaubten an das, was sie ihren Kindern lehrten. Wie aber können Eltern, die selbst nicht mehr fest zur Orthodoxie stehen, diese Festigkeit — und Festigkeit ist alles in Sachen der Erziehung — ihren Kindern beibringen? Muß da nicht eine innere Unwahrhaftigkeit entstehen? Außerdem hat sich die Gesamtlage der Zeit verändert. Was 1872 noch möglich war, ist es nicht mehr W2. Die neue geistige Umwelt, in der wir leben, mit ihren tausenderlei neuen Einwirkungen, läßt eine glückliche Wiederholung des alten Erziehungsexperimentes nicht mehr erhoffen. Auf Grund dieser Erwägungen und aus leidenschaftlicher Liebe zum liberalen Judentum hat Montefiore selbst den versuch — den glücklich gelungenen versuch — unternommen, zu zeigen, wie wir mit den Ideen des liberalen Judentums unsere Kinder religiös erziehen können. So ist das vorliegende Buch entstanden. Anfangs hatte er die Absicht, es für Kinder von 8 bis 15 Jahren zu schreiben. Er mußte aber bald nach den ersten drei Kapiteln die Wahrnehmung machen, daß seine Fähigkeit für Kinder dieses Alters zu schreiben, nicht ausreichte, daß vielmehr seine Schreibweise besser für junge Menschen von 15 bis 18 Jahren paßte, ja am besten vielleicht für Eltern und denen feine Ausführungen als religiös - pädagogischer Leitfaden dienen konnten. So ist denn sein Buch, ähnlich wie seine treffliche Ribls for Home-Reading, ein Buch für Eltern und Erzieher geworden. Es gibt in bestimmten, wenn auch nicht immer voll ausgeführten Umrissen ein Bild des positiven liberalen Judentums und.ist gleichzeitig so angelegt, daß Gedanken und Sprache — eine Sprache von künstlerischer Einfachheit — den individuellen Bedürfnissen des jeweiligen Falles angepaßt werden können und

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