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Liberales Judentum · 1912-08-01 · Heft 8 (August 1912) · p. Seite 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 8 (August 1912)
Date
1912-08-01
Page
Seite 180 (sequence 12)
Language
German
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180 . Mar Wiener: Jüdische Aenkrr des Mittelalters gestimmt; denn er wendet sich nicht an die Gelehrten, sondern will auf die Masse der Gebildeten einwirken; demgemäß ist es sparsam mit der Ausführung von Problemen, die inehr dem theologischen Scharfsinn Freude machen, als der religiösen Vertiefung dienen. Nur die Behandlung des fundamentalen Problems der Religion, seine Gotteslehre, kennt solche Rücksichten nicht, sondern verfährt in strenger dialektischer Schärfe. Das Resultat dieser Spekulation kennen wir schon von Saadia her: von Gott vermögen wir nur auszusagen, daß er als Einheit existiert. Bei seiner grundsätzlichen Unterschiedenheit von menschlichem Wesen wird man ihm auch den Tharakter der Persönlichkeit verwehren müssen. Ls bleibt also auch hier bei der Einsicht in unser Nichtwissen. Wenn wir nun aber vernehmen, daß der Urquell aller religiösen und moralischen Verpflichtung die dankbare Gesinnung gegen diesen Gott als den Schöpfer und Erhalter alles Seins ist, so erscheint das seltsam. Wie können wir gegen ein Wesen dankbar sein, von dem wir nur wissen, daß die Maßstäbe menschlicher Wissenschaft zu seiner Lrgründung ewig unzulänglich bleiben? Dabei stellt Bachja ausdrücklich fest, daß die Dankbarkeit sich umso mehr vertieft, je angelegentlicher sich unsere Erkenntnis um jene Wahrheit bemüht. Aber alles Streben kann doch nur die Gewißheit des Nichtwissenkönnens verstärken! Und doch wird grade durch die so gebotene Resignation einer warmherzigen Frömmigkeit der Weg gebahnt: die Betrachtung wird von dem Einen Gott, über den wir so wenig erfahren können, abgelenkt und auf die Welt, seine Schöpfung, verwiesen, die von seiner wunderbaren Wirksamkeit zeugt. Aus der Versenkung in die Harmonie der Welt und in die Ordnung des Seins sind von jeher dem religiösen Gefühl die stärksten Anregungen erwachsen. So geschieht es auch bei Bachja. Die Bewunderung der Zweckmäßigkeit des Schöpfungswerkes, die Einsicht in die tiefe Weisheit der göttlichen Offenbarung, die den Menschen zu ihrem Heile geschenkt ist, muß sich auch 'stumpfen Sinnen aufdrängen. Je tiefer aber die menschliche Vernunft in diese Fragen vordringt, um so klarer muß ihr die Güte der Gottheit aus ihrem Weltregiment hervorleuchten. Je schärfer diese Erkenntnis ist, desto innigere Dankbarkeit gegen den Spender alles Guten muß sie erwecken. Mit solchen Gedanken lenkt Bachja in eine Theologie ein, die immer großen Eindruck auf empfängliche Gemüter gemacht hat. And er weiß die Richtung auf die Verinnerlichung der Religion auch dort festzuhalten, wo die Gefahr einer Veräußerlichung am ärgsten droht: bei der Frage nach dem Sinn des Zeremonialgesetzes. Saadia hatte den letzten Grund seiner Verbindlichkeit darin gesehen, daß wir in seiner sorgsamen Beobachtung der Absicht Gottes entgegenkommen, die auf unsere Beglückung abzielt: Zede Guttat, jede Gesetzeserfüllung werde von dem gerechten Gott belohnt, dessen Liebe zu uns sich dadurch aufs hellste offenbart, daß er uns in seinen zahlreichen Geboten ebenso viele Gelegenheiten gegeben, uns seine Belohnung zu verdienen. Also: gänzlich unverblümter Eudämonismus. Anders Bachja. Er glaubt nicht, — wie Saadia es getan hat — unser moralisches Guthaben gemäß der Zahl der erfüllten oder verletzten Gesetze auf Heller und Pfennig taxieren zu können. Denn nach ihm dienen die Zeremonialgebote nur dem einen auf uns selbst bezogenen, in uns selbst gelegenen Ziele: unsere Seele von den Schlacken der Begierde zu befreien, den Geist abzuhärten, das Herz in allem seinen Sinnen und Trachten auf den Dienst Gottes zu einen. Die - sittliche Reinheit der Seele, die nur durch stete Ueberwachüng und Eindämmung ihrer Lüste und durch Erfüllung mit dem Göttlichen gewährleistet werden

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