Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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179 Mas Wiener: Jüdische Aenker des Mittelalters meingültiger Weise zu erzeugen und zu begründen; sondern sie vermögen uns nur die Stellung anzuweisen, die wir zu bereits bestehenden und begründeten einzunehmen haben. Sie machen uns Wahrheiten wertvoll oder wertlos, je nach der Bedeutung, die sie für uns haben. Freilich erklärt schon das simple Sprüchwort: was man will, das glaubt man gern. Das bestätigt nur die naheliegende 'Erfahrung, daß wir uns in unserem kühlen Denken und nüchternen Erwägen oft genug von anderen als rein vernunftgemäßen Ueberlegungen leiten lassen, daß unsere Wünsche und Hoffnungen, unsere Neigungen und Abneigungen mehr als billig die heimlichen Herrscher unserer Gedanken sind. Wenn Religion Weltanschauung sein will, eine Ansicht vom Leben und für das Leben darstellen soll, dann darf ihre Lehre der Grundlage der Vernunft nicht entraten. Die intimen Beziehungen aber, die unsere Gefühle an den Inhalt der religiösen Lehren und Vorstellungen fesseln, empfangen ihre Rechtfertigung von der Bedeutung, welche jene für das persönliche Leben und seine Gestaltung haben. Die Religion handelt eben nicht von Kurvengleichungen und Käferbeinen, sondern von Gott und seinem Verhältnis zur Welt, vom Menschen, seiner Aufgabe und seinem Schicksal. Das heißt: sie will Fragen lösen, die unsere wärmste Anteilnahme erzwingen, weil es wichtigere für uns nicht geben darf. Je tiefer also die Ueberzeugung von der religiösen Wahrheit wurzelt, je klarer die Wahrhaftigkeit ist, mit der wir uns dem Glauben in Erkenntnis und Tat untertan machen, umso wuchtiger und kraftvoller werden die Gefühle sein, die er auslöst, die alle seine Lebensäußerungen begleiten. von der Wucht und der Kraft dieser Gefühle aber hängt die Innerlichkeit einer Religiosität ab, das inwendige Leben, das allein ihrer äußeren Betätigung Sinn und Wert zu verleihen weiß. Auf diesem Gedankenwege gelangen wir zur Einsicht in den 'Sinn der Forderung Bachjas, die auf eine Verinnerlichung der Frömmigkeit geht. Die Religiosität soll keinen Zweifel an der Harmonie von Gesinnung und Tat aufkommen lassen. Sie ist in ihrem ganzen Umfange „Herzenspflicht". Das ist aber nicht etwa die erbauliche Rede des Bußpredigers, so selbstverständlich und oft gehört ein solches. verlangen gewiß schon in seinen Tagen war. vor solchem Mißverständnis muß diesen Denker schon die Betrachtung des Zieles schützen, an das ihn seine Glaubensinnigkeit geführt hat: er kommt bis hart an die Grenze mystischer Frömmigkeit, vielmehr bedeutet ihm die geforderte Einstimmigkeit die innerlich gemütvolle Teilnahme an den Fragen der religiösen Lehre, die Vernunft und Offenbarung zu lösen haben, wie die aufrichtige ernsthafte und stets lebendige Gesinnung, von der jedes Werk der frommen Praxis getragen sein muß. Religion ist Lehre und Leben. Der Streit, welchem von diesen beiden Bestandteilen der Vorrang gebühre, ist müßig. Das logisch Frühere aber ist die Lehre. Nur wenn unser Geist über die religiösen und ethischen Grundlagen genügende Aufklärung empfangen hat, kann unser Tun wahrhaftig sein, in echter Gesinnung wurzeln. Also ist es erste Pflicht, sich um die Entdeckung jener Fundamente zu mühen, auf denen der Gottesglaube ruht. So kann die geforderte Frömmigkeit des Herzens nur zur Tat werden, wenn sie sich auf wirkliche Vernunfteinsicht gründet. Darum bietet der Philosoph alle Mittel der theoretischen Spekulation auf, um jenen Glauben sicher zu stellen. Es ist zu beachten, daß Bachja bei der Grundlegung des religiösen Systems, die den Erweis des Daseins Gottes zum Ziele hat, sich ausschließlich der strengen wissenschaftlichen Methodik bedient. Sein ganzes Werk ist in Sprache und Anlage auf einen volkstümlichen Ton