Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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178 MüL Wiener: Jüdische Arnker des Mittelalters darauf an, die objektive Gültigkeit der jüdischen Lehre zu begründen. Das ist viel, aber nicht alles. Ls genügt nicht, sich vor Augen zu halten, daß Religion die Wahrheit an sich sei, daß ihre Gewißheit eindringender Forschung der Vernunft unerschütterlich standhalte und jeden Zweifel als Irrtum oder schlimmeres überführe. Denn dann fiele ihr Begriff tatsächlich mit dem der Erkenntnis zusammen. Sondern jeder einzelne, der Religion hat, dem sie etwas bedeutet, muß sie als Wahrheit erfassen, als Wahrheit erleben; überall soll sie auch der Gestaltung des Daseins dienen. Sicherlich muß sie als Lehre mit den Mitteln der Theorie geprüft und beurteilt werden. Aber ,sie darf sich nicht auf diese Sphäre beschränken; nicht bloß „im Prinzip" als erweisbar gültige Wahrheit auftreten, an deren Behandlung die philosophische Spekulaüon ihre Helle Freude hat. Sondern in jedem religiösen Gedanken, den wir denken, in jeder Tat der prakttschen Religionsübung, in jeder Sttmmung, die sich um irgend welche Symbole und Bräuche webt, muß sich immer aufs neue ihre Wahrheit uns — jedem einzelnen — offenbaren, weil jeder einzelne aufs stärkste von ihr beeinflußt werden soll. Sie ist nicht damit zufrieden, daß die Vernunft ihr huldigt, durch zurückliegende mittelbare Einsichten dazu bekehrt; sondern sie will als eine ewige Gegenwart in unserem Geiste leben. Das Wort ^Offenbarung" bezeichnet treffend die Sache, die wir suchen. Es will nicht nur auf die andere Quelle Hinweisen, aus der die religiöse — die „göttliche" — Weisheit fließt, in ihrem Unterschiede von menschlichem Wissen. Sondern darin steckt zugleich der Gedanke, daß Offenbarung uns etwas offenbar mache, eine unmittelbare persönliche Ueberzeugung in uns wirke, die als gewaltiger Impuls unser wollen und Fühlen beflügelt. Die Wahrheit, welche die Religion lehrt, muß unsere Wahrheit werden, wenn sie uns etwas bedeuten, wenn sie etwas sein soll, was persönliches Interesse fesseln kann. Die der Wissenschaft verzichtet grundsätzlich darauf, ein solches Interesse zu bewirken. Der Religion' aber muß alles daran gelegen sein, daß die von ihr verkündete objektive Lehre einen starken subjektiven Widerhall erwecke; denn er allein ist die Wurzel einer aufrichtigen aus der freien Ueberzeugung quellenden Eingebung an die Forderungen der so als Gewißheit erkannten und erlebten Religion. Man erkennt den Gegner, gegen welchen dieser Gedankengang Front macht. Natürlich ist er nicht die Wissenschaft, die im Gegenteil als Bundesgenosse willkommen ist. Es soll vielmehr ein Damm gegen alle Arten der gedankenlosen Frömmigkeit aufgerichtet werden, welcher ja noch kein Glaubensbekenntnis das Heimatsrecht im Rreise seiner Gläubigen gänzlich versagt hat. Bachja ibn pakuda eröffnet diesen Kampf in seinem Werke über die „Herzenspflichten". Dieser Titel könnte den Irrtum Hervorrufen, als ob das religiöse Leben nun vor allem auf das Gefühl gegründet werden solle. Indes kommt es weder dem Bachja noch einem anderen der großen Theologen des jüdischen Mittelalters in den Sinn, die religiöse Ueberzeugung auf etwas anderes zu bauen, als auf die Einsicht der Vernunft. Gerade er schätzt — wie wir bald sehen werden — den Anteil, den das Gemüt im Ganzen des religiösen Bewußtseins hat, als sehr hoch ein. Aber die Vernunft bleibt das Fundament. Und in der Tat: wenn Religion irgendwie auf die Erfassung einer objektiven Wirklichkeit abzielt, wenn sie Erkenntnis sein will, so muß sie dankbar die Hülfeleistung des Intellekts annehmen, wie sie sich nicht leichtherzig über seine Linwände und Bedenken hinwegsetzen darf. Gefühle und Affekte — sie mögen noch so heiß und kraftvoll sein — sind niemals imstande, irgendwelche Wahrheiten in allge-