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Liberales Judentum · 1912-08-01 · Heft 8 (August 1912) · p. Seite 177

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 8 (August 1912)
Date
1912-08-01
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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Mas Wiener: Jüdische Aenker des Mittelalters 177 immer wieder geschaffen und gesichert werden soll, 'hervorgehen, die um der Gemeinschaft willen zu beobachten sind; sie dienen nicht der religiösen Idee, sondern der Trägerin der religiösen Idee, der großen oder kleinen Gemeinde. Die Aufgaben der Religion bleiben; sie. sind stets dieselben, und mit ihnen, diesen Geboten der sittlichen 'Freiheit, der Gesetzesreligion steht und fällt das Judentum; über sie gibt es keinen Streit der Parteien in ihm und kann es keinen geben. Die anderen, die Gebote der Gemeinde, müssen den Bedürfnissen der .Zeit folgen; sie haben ihr Lxistenzrecht verloren, sobald sie die Gemeinde nicht mehr erhalten, sondern hemmen, oder sobald sie nicht mehr Hinweise auf ein Religiöses sind, sondern nur noch ein leeres werk, das eben bloß noch geübt werden soll; sie können hier und setzt noch etwas bedeuten und dort und dann nichts mehr sein, und. um sie geht daher, der Kampf der Parteien. Die einen sind das Gesetz der Religion und darum ihr eigener Zweck, die anderen sind das Gesetz der Gemeinde und darum nur Mittel zum Zweck. Diese sind die ewigen Gebote des göttlichen willens, jene die zeitlichen Satzungen der Glaubensgemeinschaft. Jüdifche Denker des JTliffelalters. Von Ulax Wiener-Stettin. III. Bachja ibn pakuda: bserzenspflichten. er Gedanke, auf den Saadia seine Lehre wie überhaupt die Philosophie der Religion gründet, ist ebenso einfach wie tief: der Glaubensinhalt ist vernünftig, durch den Menschengeist einzusehen und zu durchleuchten. Wohl ist er uns durch die göttliche Gnade offenbart worden, die uns allein vor Irrtum hat bewahren können. Aber mit der Religion — ihren theoretischen Lehren über Gott und Welt und ihren praktischen Forderungen an das Leben — ist uns keine Aufgabe .zur Lösung gestellt, die unserem Wesen fremd wie aus einer andersartigen Welt in unseren Gesichtskreis hineintritt. Indem wir sie erfassen und erleben, vollendet sich vielmehr der Menschengeist; darum darf Religion in keinem Falle grundsätzlich Unverständliches, widervernünftiges enthalten. Diese These ist letzthin eine Bewährung des Glaubens an die Wesensverwandtschaft des göttlichen und des menschlichen Geistes. Aber sie ist ebensowenig eindeutig wie dieser Gedanke selber es ist. Saadia versteht die „Vernünftigkeit" der Religion im Sinne der wissenschaftlichen Begründbarkeit ihrer Lehren. Zum mindesten sind sie rächt zu widerlegen: ihre Sätze über Gott und Welt, die Forderungen, welche die göttliche Offenbarung an unseren willen stellt, können von unserer Vernunft eingesehen werden und erweisen sich vor ihrem Urteil — wenigstens grundsätzlich — als gültige Wahrheiten. Danach sieht es so aus, als ob Religion und Wissenschaft ein und dasselbe wäre; wobei jener freilich gemäß ihrem Ursprung aus der ungetrübten Quelle der Offenbarung der Vorrang gebührt. Denn wo menschliches Lrkenntnisstreben ewig der Gefahr des Irrtums ausgesetzt, schüchtern tasten und tappen muß, da leuchtet das Licht des Glaubens niemals trügend, unfehlbar. Und Saadia wird auch nicht müde, triumphierend auf. das religiöse Bekenntnis und seinen Inhalt hinzuweisen, das seinen Anhängern den Besitz der für die Menschen wichtigsten Wahrheiten sicher verbürge. So kommt es ihm vor allem

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