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Liberales Judentum · 1912-07-01 · Heft 7 (Juli 1912) · p. Seite 166

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 7 (Juli 1912)
Date
1912-07-01
Page
Seite 166 (sequence 22)
Language
German
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166 Ar. Selrgrnmm: Air Geistesrrligion und das jüdische Rrligisnsgefetz als das einzig erhaltende Llentent des Judentums ansieht. Deutlich spricht Ziegler das aus in seiner Entgegnung auf die Kritik Professor Klein's in der A^ Z. d. I. Er bekennt sich tzu dem Glaubenssatz, daß die Erhaltung des Judentums unbedingt die Pfeiler des sogenannten religiösen Gesetzes fordert. „Mag die Welt über das ,Gesetz' urteilen wie sie will, das Gesetz erhält uns." Ich habe Verständnis für diese Behauptung. vielleicht — wer vermag in die Zukunft zu schauen — ist etwas Wahres daran, was erst die Zukunft entscheiden wird. Aber kein Verständnis habe ich dafür, wie derjenige, der diese These aufstellt, sich nicht mit Haut und haaren der „gesetzestreuen" Orthodoxie ausliefert. Samson Raphael pirsch, den Ziegler zitiert, war jedenfalls konsequenter. Wenn das Gesetz tatsächlich das einzig lebenerhaltende Moment des Judentums wäre, dann wäre es für jeden Juden, dem die Erhaltung des Judentums eine Herzensangelegenheit ist,- zumal für den Rabbiner, unabweisbare Pflicht, für die Erhaltung und Befolgung des Gesetzes bis in feine letzten Konsequenzen einzutreten, wie es Samson Raphael Hirsch in der Tat getan hat; dann dürfte es kein paktieren mit der Zeit und Mit den Menschen geben; denn jedes paktieren wäre eine Schwächung der jüdischen Lebensinstinkte, jedes nicht beobachtete Gesetz wäre ein geborstener Pfeiler von den Pfeilern, die das Judentum und seine Zukunft tragen. Ich habe Verständnis für eine solche Theorie, aber ich halte sie für kurzsichtig und gefährlich. Es ist einfach nicht wahr, daß das Gesetz es war, das die Juden erhalten hat. Die Juden waren es, die das Gesetz erhalten haben. Sie haben es erhalten, weil sie Freude daran hatten und weil sie es für göttlich' hielten. Es gab eine Zeit, wo das Gesetz, zum mindesten in dem Umfang und dem charakteristischen Gepräge, wie wir es kennen, noch nicht existierte, vergessen wir nicht, daß es ein prophetisches Judentum gab, das von dem Gesetz nicht viel wußte oder wissen wollte. Damals hat sich das Judentum dennoch erhalten und seine größten, seine universellen welterobernden Gedanken geprägt. Nein, das Judentum besteht nicht durch das Gesetz, sondern das Gesetz besteht durch das Judentum. Es ist ein schöner homiletischer Gedanke, daß die Idee die Menschen trage, oder wie das unsere Alten in ihrer Gleichnissprache ausdrückten: Die Träger der Bündeslade trugen sie nicht, sondern: wurden von ihr getragen. In Wirklichkeit pflegt es in dieser realistischen Welt doch nreistens umgekehrt zu sein. Oder hat etwa die Idee auch diejenigen, getragen, die nicht zuerst die Idee getragen haben, Hat das Gesetz auch diejenigen erhalten, die sich nicht von ihm erhalten lassen wollten, all die zahllosen Abtrünnigen der jüdischen Geschichte? Zuerst muß ich den willen zum Gesetz haben, ehe das Gesetz auf mich einen rückwirkenden Einfluß ausüben kann. Das jst die Kurzsichtigkeit dieser Theorie; aber sie ist schlimmer als kurzsichtig; sie ist in der heutigen Zeit gefährlich. Denn dasselbe, was, räumen wir einmal ein, in früheren Zeiten zur Erhaltung diente, weil es aus dem Bedürfnis der Zeit geboren wurde, würde jetzt tzur Auflösung dienen, weil es dem ausgesprochenen Willen der überwiegenden Mehrheit der gebildeten europäischen Iudenheit widerspricht. Denn tausendmal eher könnte Ziegler die Juden der Gegenwart zu jeder Philosophie der Welt bekehren, als diejenigen,.die das Gesetz aufgegeben h a b e n, wieder zu demselben zurückführen. Darin liegt die große 'Gefahr der Aufrichtung des des Gesetzes als einer eonäitio sine qua. non des Judentums. Sollen alle diejenigen, die das Gesetz nicht mehr halten, sich innerlich ausgeschlossen fühlen, ohne Heimgt-

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