Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 164 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Hr. Seligmann: Die Geistesrelision und Las jüdische Neiigiansgesetz heim gegenüber Las Judentum eine Religion j der Tat genannt. Aber sollen wir wirklich diese Aussprüche ernster nehmen, als sie verdienen? Soll 'uns wirklich die religiöse Weltanschauung, das Fundamentale aller Religion, der Ikkar, wie es die Alten nannten, so gleichgiltig geworden sein? Das meint Ziegler selbst nicht; fügt er ja die vorhergegangene Behauptung einschränkend selbst hinzu: „Natürlich ist auch dem (religiösen Riemen) eine Grenze gezogen, aber die Grenze selbst nicht engherzig abgezirkelt." Also kann, inach Ziegler, auf irgend einen halbwegs idealistischen Philosophen das. Judentum seine religiöse Grundlage einstellen und zur Zeit Schleiermacher's schleichermacher'sch, zur Zeit Fichte's fichte'sch, zur Zeit Gegel's hegel'sch, zur Zeit Lucken's eukken'sch sein und alle paar Jahrzehnte seinen Gottesbegriff verändern? Also mögen unsere Intellektuellen jeder philosophischen Riodcweisheit ruhig nachlaufen — das Judentum drückt offiziell sein Siegel darauf! Gibt es wirklich kein „Wesen" des Judentums? Reine ewigen Wahrheiten, die keinem Wandel unterworfen sind? Glaubt Ziegler im Truste, daß die ' Tucken'sche in naher Beziehung zu Fichte, zur Ritschlschen Schule und letzten Tndes zu Kant stehende Geistesreligion das letzte Wort der Philosophie sei und mehr Twigkeitswert besitze als der philosophisch gedachte historischjüdische Gottesgedanke? Aber nein, das lhauptargument Zieglers ist das erstgenannte. Tr hält eine friedliche Auseinandersetzung zwischen Geistesreligion und Judentum inbezug auf die Gottesidee für unmöglich. „Unmöglich, weil das Judentum den kosmischen Gottesbegriff lehrt, Lohn und Strafe, Auferstehung und Wunder, die Gesetzesreligion dagegen djese vollständig negiert. . . Tine Tinigung und Verständigung auf diesem Boden ist zwischen Judentum und Geistesreligion ausgeschlossen; hier kann nur von einem . . . Sich-unterwerfen die Rede sein oder von einem unversöhnlichen, ewig unüberbrückbaren Gegensatz." Zunächst steht im (ungeschriebenen) Glaubenskatechismus des liberalen Judentums aber nichts von „Lohn und Strafe", nichts von „Auferstehung", nichts von Glauben an „Wunder".- Warum einer Theorie zuliebe Gegensätze schaffen, die nicht vorhanden sind? Aber nicht nur das liberale Judentum der neueren Zeit, auch die Religionsphilosophen und Bibelerklärer von der alerandrischen Periode bis Albo, ja bis in viel spätere Zeit haben viel tiefer greifende geistige Transaktionen zwischen dem biblischen Gott und dem Gott des philosophischen Trkennens vollzogen, habe viel größere Gegensätze philosophisch überwunden als zwischen dem jüdischen und Tucken'schen.Gott bestehen. Das an ein schriftlich fixiertes Dogma gebundene Thristentum mag den Gegensatz nicht überbrücken können, aber das Judentum, bei dem das Dogma nie autorativ fixiert wurde, könnte es wohl — könnte es — wenn es sein müßte. Gar so woit ist der bis zur letzten Konsequenz reingeistig gedachte Gott, ist der Gott Rlaimunis nicht von dem Luckenschen entfernt. Aber noch hat Tucken für mich nicht das letzte Wort gesprochen. Ich bin ihm dankbar, für die neue machtvolle Grundlegung des Gottesgedankens; ich habe fruchtbare religiöse Anregung in seinen religiösen Schriften gefunden. Allein sein Gott verlangt -letzten Tndes ebenso den Willen zum Glauben, wie der kosmische Gott des Judentums. Gb Gott lediglich die aus dein Begriff des geistig-sittlichen Prozesses erschlossene' weltüberlegene Wirklichkeit ist oder der theistische Gott der jüdischen Religionsphilosophie, die sich nach der selbstverständlichen Loslösung von scholastischen Gebundenheiten auf den Standpunkt der absoluten Kausalität alles Naturgeschehens stellt — darin