Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 161 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o 161 Ar. Norden: Umrisse des liberalen Judentums Die Anspielung auf das Christentum ist deutlich. In dem Sinne, daß wir nicht glauben, das Judentum fei vom Christentum abgelöst worden, es sei seit der Entstehung des Christentums veraltet und habe keine religiöse Aufgabe mehr zu erfüllen, in diesem Sinne kann der Satz angenommen werden. Allerdings würden wir ihm eine ganz andere Fassung geben. fO. ^,Der Schöpfer kennt alle Handlungen der Menschenkinder und alle ihre Gedanken." . Dieser Satz scheint an die unrichtige Stelle gekommen zu sein; er gehört eigentlich zu den Sätzen, die sich mit der allgemeinen Lehre von Gott und feinen Beziehungen zum Menschen befassen. Jedenfalls aber muH die göttliche Allwissenheit, mag sie noch so schwer zu verstehen sein, genau so gut von den Liberalen, wie von den Konservativen angenommen werden. Die göttliche Vollkommenheit muß der Unermeßlichkeit ihrer Bürde entsprechen. ff. „Der Schöpfer belohnt diejenigen, die seine Gebote halten, - und bestraft diejenigen, die sie übertreten." Diesen Satz kann das liberale Judentum annehmen, wobei es Lohn und Strafe in geistigem Sinne deutet, wie das tatsächlich auch Maimonides selbst zu tun pflegte. \2. „Der Messias läßt zwar auf sich warten, er wird aber sicherlich erscheinen." Der persönliche Messias, worunter wohl ein Abkömmling Davids zu verstehen ist, der die Juden nach Palästina zurückführen und lange Zeit als König über sie herrschen wird, ist für das liberale Judentum kein Gegenstand des Glaubens und der Erwartung. Dieser Glaubensartikel ist somit abzulehnen. Aber wir würden an seine Stelle einen Artikel setzen über die messianische Hoffnung, den menschlichen Fortschritt und das goldene Zeitalter. f3. „Eine Auferstehung der Toten wird stattfinden zu einer Zeit, wo es dem Schöpfer gefallen wird." Zn der vorliegenden Fassung können wir diesen Artikel nicht annehmen; denn er bezieht sich auf eine gleichzeitige und körperliche Auferstehung aller Toten zu einem bestimmten Zeitpunkt der Zukunft. An eine solche Lehre glauben wir nicht. Dagegen würden wir an die Stelle dieses Artikels einen andern setzen, der unsern Glauben an die Unsterblichkeit der Seele auszudrücken hätte. Abgesehen von dem, was das Glaubensbekenntnis über die Beziehungen Gottes zum Menschen unerwähnt läßt, übergeht es auch die Mission Israels und das Verhältnis des Judentums zu der großen Welt mit Schweigen. Ferner schweigt es über die Erlösung der ganzen Menschheit, die Rettung und Erleuchtung der Bösen wie der Guten. Auch andere wichtige Punkte läßt es aus, wie das Verhältnis der Religion zur Sittlichkeit, den wahren Gottesdienst, das Verhältnis zwischen religiösem Glauben und religiösen Handlungen, Religion und Wissenschaft, und so fort. Es dürfte schwer fallen und.würde sicherlich auch unerwünscht sein, über diese Punkte Glaubensartikel aufzustellen. Nichtsdestoweniger aber sind sie unendlich wichtig, und das liberale Judentum hat wichtige und bestimmte Erklärungen über sie abzugeben. So kann also Niemand umhin anzuerkennen, daß das liberale Judentum einen Inhalt, eine Grundlage, eine Reihe von positiven Lehren besitzt, die gerade so reich, so bedeutend upd wichtig sind, wie die des konservativen Judentums. Es ist nicht weniger positiv als sein Nebenbuhler. Wir haben gesehen, daß das liberale Judentum sich vom konservativen in den Lehren unterscheidet. Dieser Unterschied in den Lehren bringt auch einen solchen in der äußeren Form mit sich. Indessen ist hier nicht der Grt, bei diesen bloß äußerlichen Unterschieden zu verweilen. Un^er äußer-