Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 159 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o 159 Nr. Morden: Umrisse des liberalen Judentums jener gemeinsamen Beobachtung liege das gemeinsame Band und das gemeinsameZudentum. Dieser Auffassung steht das liberale Judentum scharf gegenüber. Nach ihm müssen religiöse Theorie und religiöse Tat eine Einheit bilden. Religiöse Gebräuche müssen die äußeren Erscheinungsformen religiöser Ueberzeugungen sein; Form und Inhalt müssen einander entsprechen. Gebräuche, die unserer Ueberzeugung zuwiderlaufen oder nicht auf Glauben beruhen, haben keinen religiösen Wert mehr. Auf der andern Seite verwirft das liberale Judentum, bei noch so scharfer Betonung seiner religiösen Behauptungen und Lehren, die Aufstellung dogmatischer Glaubenssätze. Es hat nicht die Absicht und den Wunsch, in seinen Gebetbüchern die Glaubenssätze, die sich heute noch in allen orthodoxen Gebetbüchern finden, durch andere zu ersetzen. Wir nehmen für uns nicht in Einspruch, das Ziel und die Vollendung in der Entwickelung des Judentums erreicht zu haben, sondern können wohl glauben, daß die Lehren des liberalen Judentums im Jahre 20\2 nicht ^ganz dieselben sein werden, wie die des liberalen Judentums im Jahre Wir hegen das Vertrauen, daß die künftigen Lehren besser und wahrer sein werden. Nichtsdestoweniger aber bekennen und lieben wir die Lehren unserer Religion von heute. Zn den Einzelheiten dieser Lehren ist wiederum Raum für individuelle Verschiedenheit. Wir verlangen keine dogmatische Festlegung, keine strengen und festen Bestimmungen. Innerhalb eines gewissen Grades von Bestimmtheit und Reb er einstimmun g muß Raum sein für Mannigfaltigkeit und Entwickelung. Zn unserer gemeinsamen Ueberzeugung besitzen wir ein einigendes Bänd, und doch besitzen wir gleichzeitig ein rechtes Maß von Freiheit, es fehlen. die starren dogmatischen Retten. StellungdesliberalenZudentums zu den dreizehn Glaubenslehren des Maimonides. Zch habe auf die dreizehn Glaubensartikel oder, wie sie in dem überlieferten Gebetbuch auch genannt werden, die dreizehn Grundlehren angespielt. Sie sind von Maimonides aufgestellt worden, sind fetzt also älter als siebenhundert Zahre. Es dürfte angebracht sein, sie einmal kurz durchzugehen, um zu sehen, wo das liberale Judentum mit ihnen übereinstimmt, und wo es von ihnen abweicht. Lins aber muß gleich am Anfang vorausgeschickt werden: Diese Grundlehren lassen viele „Glaubensartikel" aus, die das liberale Judentum.für wesentlich hält, oder übergehen sie mit Stillschweigen. Wenn wir daher einige von den dreizehn Sätzen ablehnen, so bedeutet das nicht, daß unser Judentum sich auf den Rest beschränkt. Denn einmal wollen wir — wie wir sehen' werden — die von uns abgelehnten Sätze durch andere ersetzen, sodann aber fordern wir auch, daß ganz neue hinzugefügt werden. h „Der Schöpfer ist der Urheber und der Führer aller Geschöpfe, und er allein hat alle Dinge gebildet, bildet sie und wird sie bilden." Dieser erste Glaubensartikel begibt sich ohne weiteres mitten in die Dinge hinein und befaßt sich sofort mit einer Einzelfrage. Allgemein mit der Frage. nach dem Dasein Gottes befassen sich die Glaubensartikel nicht, und vor allem schweigen sie über seine sittliche Vollkommenheit und seine Allgegenwart. Die Streitfrage, auf die der erste Artikel; anspielt, ist die sogenannte „Schöpfung aus dem Nichts." Wenn Gott alle Dinge geschaffen hat, so hat er das Etwas aus dem Nichts geschaffen. Dieser Streitfrage steht das liberale Judentum gleichgültig gegenüber. Vb Gott der Schöpfer der Materie und in welchem Sinne er der