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Liberales Judentum · 1912-07-01 · Heft 7 (Juli 1912) · p. Seite 158

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 7 (Juli 1912)
Date
1912-07-01
Page
Seite 158 (sequence 14)
Language
German
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158 Ar. Norden: Umrisse des liberalen Judentums Ohne Zweifel sind die Unterschiede bedeutend und wichtig; die Punkte jedoch, in denen die Richtungen übereinstimmen, sind noch viel bedeutender und wichtiger. was in dem Hauptwort (Judentum) enthalten ist, ist bedeutender und wichtiger, als das, was in den Eigenschaftsworten (liberal und konservativ) liegt. Das einigende Band, welches liberal und konservativ zusammenhält, ist mithin bedeutender, wichtiger und nicht weniger deutlich, als die Lehren, welche Streitpunkte zwischen ihnen bilden. Bevor ich nun fortfähre, möchte ich noch einen andern j)unkt 'beleuchten, von unfern konservativen Gegnern wird es oft so dargestellt, als ob .das liberale Judentum aus lauter Verneinung bestände, als ob wenigstens seine Trennung vom konservativen Judentum lediglich dem Zwecke der Verneinung dienen sollte. Unsere Gegner sprechen so, als ob das liberale Judentum nichts anderes sei als das um sieben Achtel Judentum verminderte konservative Judentum. Das ist indessen eine falsche und irrige Darstellung. Wohl leugnet das liberale Zudenutm gewisse Lehren des konservativen Judentums, allein dieses 'Leugnen ist, so zu sagen, nur die Rehrseite von bedeutenden und wichtigen Behauptungen. wenn wir uns zum Beispiel in bezug auf die in der Bibel erzählten Wunder, in bezug auf die Lehre von der Inspiration, in bezug auf den ewigen Wert und die ewige Gültigkeit des Zeremonialgesetzes vom konservativen Judentum unterscheiden, so geschieht dies auf Grund positiver Lehren oder hat zu positiven Lehren hingeführt, die nicht weniger wichtig und bestimmt und die, nach unserer Meinung, edler und wahrer sind als die von unsern konservativen Gegnern anerkannten Lehren. Zn der Tat sind gerade die liberalen Juden im ganzen mehr als die konservativen dazu geneigt, ein festes Lehrgebäude — eine systematische Theologie — als notwendig und wichtig anzusehen. Das liberale Zudentum ist daher genau so positiv und bejahend wie das konservative. Seine eigenen Aufstellungen sind ihm genau so wesentlich, wie es seinem Nebenbuhler, dem konservativen Judentum, andere Aufstellungen sind. Zn einem Sinne allein könnte man mit Recht sagen, das liberale Zudentum sei weniger dogmatisch als wenigstens eine bestimmte Form des ‘ konservativen Zudentums. Es gibt nämlich eine Form des konservativen Zudentums, die im neunzehnten Zahrhundert entdeckt worden ist, die sich einer bedeutenden Beliebtheit erfreut hat und auch heute noch erfreut. Sie nennt sich gern h i st o r i s ch e s Zudentum und steht dem liberalen Zudentum sogar schärfer gegenüber als das wahre alte konservative, von dem sie ausgegangen ist. Das historische Zudentum erklärt, das liberale Zudentum habe keinen Zusammenhang mit der Geschichte, es sei unjüdisch, habe sich vou der Vergangenheit losgelöst und sei ein ganz unbestimmter Theismus, der seinen dünnen jüdischen Anstrich bald ganz verlieren werde, was seine eigenen Glaubensmeinungen angeht, so legt es, wie es uns erzählt, Gewicht auf die Tat und nicht auf den Glauben, auf die Lebensführung und nicht auf das Dogma. Die Gedanken des Menschen könnten nicht gebunden werden, wohl aber könnten es seine Handlungen. Die Uebereinstimmung unter den Zuden solle nicht sowohl in den Glaubensmeinungen bestehen, als vielmehr in den Gebräuchen. Zn dem Zeremonialgesetz wohne das Wesen des Zudentums, und Zude sei der, welcher dessen Vorschriften beobachte. Ueber Wunder, über die Abfassungszeit des Pentateuchs, über Znspiration und den Ursprung des Gesetzes möge der Eine dieses, der Andere jenes glauben; Beide aber könnten und sollten in gleicher Weise das Gesetz beobachten, m

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