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Liberales Judentum · 1912-07-01 · Heft 7 (Juli 1912) · p. Seite 157

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 7 (Juli 1912)
Date
1912-07-01
Page
Seite 157 (sequence 13)
Language
German
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o o o o 157 Ar. Norden : Umrisse des liberalen Judentums Judentum Bestandteile ab und wird so ein verstümmeltes konservatives, nie aber das liberale Judentum erhalten. Darum muß das liberale Judentum, gleich dem konservativen, von Anfang an gelehrt werden. Es ist Sache geschickter Lehrer und Eltern, genau zu zeigen, wie das geschehen soll, aber das „Wie" kann nicht darin bestehen, daß man eine Sorte Samen pflanzt und dann Blumen von einer andern Sorte erwartet. Dieses Buch 'ist für Lehrer und Eltern geschrieben, die sich zu derjenigen Form der jüdischer: Religion bekennen, die man liberales Judentum nennt. Die Bezeichnung ist nicht ganz glücklich gewählt, denn dasWort „liberal" wird auch in vielen andern Bedeutungen gebraucht. Liberales Judentum heißt nicht ein Judentum, dessen Bekenner etwa großmütiger sind, als diejenigen, die sich zu irgend einer andern Art von Judentum bekennen. Es hat auch mit dem politischen Liberalismus nicht das geringste zu tun. Es kann liberale Juden geben, die, wie ich schon gesagt habe, in der Politik konservativ sind, und es kann konservative Juden geben, die in der Politik liberal sind. Ein anderes Wort für denselben Begriff, das^ jetzt von dem Wort „liberal" ziemlich in den Hintergrund gedrängt worden ist, war „Reform" oder „reformiert". Allein gegen „Reformjudentum" oder „reformiertes Judentum" läßt sich wieder manches andere einwenden. Es bezeichnet eher eine Reform oder Veränderung von Einzelheiten als eine neue Darbietung der Religion im Ganzen. Das liberale Judentum ivird dem gegenübergestellt, was oft traditionelles oder orthodoxes oder konservatives Judentum genannt wird, von unserm liberalen Standpunkt .aus betrachtet, ist diese Gegenüberstellung keineswegs glücklich zu nennen. Denn in gewissem Sinne ist auch das liberale Judentum traditionell; nur daß die liberalen Juden wünschen, die Tradition vorwärts und aufwärts zu führen. Welches Judentum „o r t h o d o x" ist, das ist eigentlich die strittige Frage; wessen Meinung oder Glauben im Recht ist, das ist, genau genommen, der s)unkt, den die Zukunft zu entscheiden hat. Welche Namen man nun auch immer für die geeignetsten halten mag: auf alle Fälle sind heutzutage zwei Hauptformen des Judentums vorhanden, die einander gegenüberstehen. Wenn diese beide Formen aber auch in mancher Einsicht einander gegenüberstehen, so ist damit noch nicht gesagt, daß sie nicht auch sehr viel mit einander gemein^ haben. Tatsächlich ist dies der Fall. Ich neige mich der Ansicht zu, daß von den Kapiteln dieses Buches, die vom Wesen Gottes und seinem Verhältnis zum Menschen handeln, das meiste, mit unwesentlichen Unterschieden in Einzelheiten, von konservativen Juden eben so gut angenommen werden wird wie von liberalen. Die Lehren vom goldenen Zeitalter und von der Unsterblichkeit werden in gleicher Weise von beiden Richtungen anerkannt. Die Lehren von Gott und vom Gottesdienst werden im großen und ganzen hüben und drüben dieselben sein. Die Mission Israels wird von beiden Richtungen auf den Schild gehoben, wenn sich auch einige Unterschiede im einzelnen geltend machen werden. Auch was Sünde, Vergebung, Reue, Lohn und Strafe betrifft, wüßte ich keine Unterschiede zu nennen. Konservativen und liberalen Juden gilt Gott als König und Vater; nach Beiden tritt er in Beziehungen zum Menschen und unterstützt ihn in seinem Streben nach Tugend und Herzensläuterung. Die Unterschiede treten hervor bei den Fragen der Wunder, der Inspiration, der Bibel und dem pentateuchischen Gesetz.

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