Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Ar. Porges: Aer wesentliche Gehalt der jüdischen Religion größeren, noch umfassenderen Grundsatz der Thora betrachtet wissen will, so sind damit allerdings Hauptpunkte unserer Religion berührt, aber das Wesen des Judentums ist damit nur gestreift, nicht erschöpft. R. Akiba findet den Kern der jüdischen Ethik in dem Satze „liebe deinen Nächsten wie dich selbst", aber dieser Satz enthält doch nichts über Gott, nichts über Israel, bietet also über das Wesen der jüdischen Lehre keinen vollen Ausschluß. Ben Asai schürst tiefer in der Bibel und dringt zum Fundament der Ethik hinab, indem er die Gottesebenbildlichkeit des Menschen als die Grundlage der Menschenwürde, der Selbstachtung und der dem Menschen schuldigen Achtung betrachtet. Aber da auch bei Ben Asai nur von Gott und Mensch, aber nicht von Israel die Rede ist, leuchtet es ein, daß auch sein kelal gadol das Wesen des Judentums nur berührt, aber nicht in sich saßt. Gewiß ist das Wesen des Judentums nur in allgemeinen Sätzen kelalim, nicht in Einzelheiten peratim anzugeben, aber es gibt keinen kelal, keinen allgemeinen Satz in der Thora, der so umfassend wäre, daß er das Wesen der jüdischen Religion er- - schöpfend enthielte. Doch "wäre es zu viel gesagt, wenn wir behaupten wollten, daß vom'Wesen der jüdischen Religion in Mischna und Talmud auch nicht mit einem Worte die Rede ist. Der Ausdruck ikkar in der Redewendung kofer be-ikkar bedeutet unstreitig das Wesentliche des.Judentums. Dieser Ausdrück wird zwar verschieden erklärt. Manche meinen, ikkar bedeute den Urgrund aller Dinge, nämlich Gott, und kofer be-ikkar den Gottesleugner. Ich glaube nicht, daß ikkar hier direkt für „Gott" steht, sondern nur, daß dieses Wort das Fundament, die Basis des Judentums bedeutet, die Lehre von Gott — als das Erste und Wesentlichste, woraus die jüdische Religion ruht. Ein kofer be-ikkar ist also, wer die Grundlehre vom Dasein Gottes leugnet. Auch 'in der pesach-bsaggada, wo der rasoba, der da fragt: „Was soll euch dieser Dienst?" darum als kofer be-ikkar bezeichnet wird, weil er sich aus der Gesamtheit der zum Gottesdienst verpflichteten eximiert hat, auch hier wie anderswo bedeutet kofer be-ikkar den, der die Lehre vom Dasein Gottes leugnet. Gibt es aber außer der Lehre vom Dasein Gottes, außer diesem einen Ikkar nicht auch noch andere für die jüdische Religion wesentliche Lehren, noch andere Ikkarim? Maimonides war der erste, der in seinem Kommentar zur Mischna dreizehn Ikkarim ausgestellt hat, die sog. \o Glaubensartikel. Nur der habe als wahrer Israelit zu gelten, der sie sämtlich als wahr anerkennt. Wer auch nur eine derselben leugnet, sei. als Ketzer (Min oder Apikoros) zu betrachten und habe keinen Anteil an der jenseitigen )Velt. Daß Maimonides bei der Ausstellung dieser Ikkarim sich streng an den Talmud gehalten hat, wissen wir. Daß er-mit dieser seiner Ausstellung dem religiösen Bewußtsein seiner Zeit und auch dem der folgenden Generationen bis ans Ende des \8. Jahrhunderts vollkommen gerecht geworden ist, unterliegt keinem Zweifel und ergibt sich schon daraus, daß die ^3 Ikkarim trotz der Einwände einzelner Religionsphilosophen sogar im Gebetbuche ihren Platz gesunden haben. Aber schon Thasdai Kreskas, zweihundert Jahre nach Maimonides, war der Meinung, daß die ^3 Glaubensartikel zu viel Grundlehren der Religion überhaupt und zu wenig Grundlehren des Judentums im besonderen enthalten, und dieser Religionsphilosoph, der zuerst den Unterschied zwischen allgemeiner Religion und besonderer Religionsform gemacht hat, stellt, den Angaben des Talmud folgend, acht Kelalim als fundamentale, wesentliche Lehren der jüdischen Religion aus, darunter allerdings ziemlich willkürlich auch die Lehre von der göttlichen Verkündigung