Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Av. Hermann Mb: Mie Stellung Hermann Cohens zur Religion 147 Zurückhaltung in den Dingen, die unser verstand nicht erfassen kann. (Line beinah prophetisch herbe Luft weht aus den Worten über die Unsterblichkeit: „Ich kann es nicht wissen, darum will ich es nicht wissen müssen, wie es um die Dauer der Naturwesen steht. Und ich will daher prinzipiell Verzicht leisten auf jede unzulässige oder zulässige Erweiterung dieses meines theoretische,! Horizontes. Dieser Verzicht ist ein Entschluß meines Willens; eine Konsequenz meiner Ethik." Nicht zuletzt ist religiös die Arbeit an und für die theoretische und sittliche Kultur zu nennen, zumal wo sie getragen ist vom Pathos der Wahrheit und dem Ideal der Einheit des Menschen und der Menschheit. Bricht so durch Stil und Werk lebendige Religion, so überrascht üm so mehr die Stellung, welche diese tim System der Philosophie einnimmt. Die Religion muß in die Ethik münden; ein eigenes Daseinsrecht kann sie in der Reife der Kultur nicht beanspruchen. „Die Ethik kann die Selbständigkeit der Religion schlechterdings nicht anerkennen. Die Religionen sind entstanden und haben sich forterhalten in der 'mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen Ansicht, daß es durch sie allein Sittlichkeit gebe; die menschliche, natürliche, wie die philosophische Sittlichkeit wird eigentlich nur als ein Zugeständnis angesehen. über dessen Konsequenz ein Schleier gebreitet wird. Demgegenüber 'behauptet unsere Ethik die Souveränität der Ethik. Sie kann daher die Religion nur als einen Naturzustand anerkennen, dessen Kulturreife in die Ethik fällt." Zwar soll der wichtigste, religiöse Begriff „Gott" 1 in die Ethik übernommen werden; doch nicht mehr als Substanz, sondern als Idee; aus dem unbestimmten Glauben an ein Jenseitiges, Transzendentes, soll ein methodisches. Glied der wissenschaftlichen Ethik werden. „Gott ist Idee", das null sagen: er ist volles, reines, tiefstes Problem des Ivifsens, der sittlichen Erkenntnis, Außerhalb des'Wissens aber gibt es kein Interesse des Geistes, kein Problem des Denkens. Unter keinem Ausdruck darf ein Ersatz angeboten «werden für das Denken und für die Erkenntnis. Daher darf Gott auch nicht zu einem Inhalte des Glaubens werden, wenn dieser Glaube einen Unterschied von Wissen bedeuten soll. Keine Vorsicht und keine Kritik des Wissens darf über die schwere Gefahr hinwegtäuschen, 'welche durch diesen Unterschied herbeigezogen wird." Drei grundlegende Erwägungen führen zu dieser Konsequenz: ein Motiv der allgemein philosophischen Methodik, eines der Ethik und eines der Religionsgeschichte. Die verschiedenen Richtungen unseres Bewußtseins müssen sich dadurch legitimieren, daß sie Gegenstände erzeugen und in-ihren Grundlegungen Rechenschaft über sich geben können. Diese Voraussetzung, „daß das Denken festgexrägte, unveränderliche Erzeugnisse zu geben und zu sichern vermag", ist Ausgang und Wurzel des Systems Tohens. Einer eigenen Bewußtseinsrichtung entspricht aber offenbar die Religion nicht; Denken, Wollen und Fühlen finden ihre Erfüllung in der Logik, Ethik und Aesthetik, und mit diesen dreien ist der Umkreis unserer Kulturwerte erschöpft. Den Gegenstand, den die Religion geschaffen hat, den Gottesbegriff kann die Erkenntnis in der gewöhnlichen Formulierung nicht erfassen, er fällt außerhalb derselben und ist daher für sie in dieser Form gleichgültig. Denn die strenge Verknüpfungder einzelnen Ideen darf nicht durch etwas jenseits des Bewußtseins liegendes durchbrochen werden, soll nicht dem Mythos Tür und Tor geöffnet sein. Alle Gegenstände unseres Geistes müssen der strengen Kontrolle des Denkens unterstehen und das können sie nur, wenn sie in dessen