Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Ar. Hermann Föb: Air Stellung Hermann Cohens zur Nrligisn menschlichen Millens, finden hier ihren Halt und ihre Sicherheit; wird die Wirklichkeit auch nie restlos von der Vernunft ergriffen werden, so sind die Gesetze doch die Megweiser zu dem im Unendlich liegenden "Ziel. Sie erforschen, heißt die Marschroute der menschlichen Kultur suchen. Die Arbeit daran mag sich noch so sehr zerstreuen, die einzelnen Gebiete mögen zunächst ohne Bezug nebeneinanderstehen, in der Gesetzmäßigkeit, in der gemeinsamen Methode finden sie ihre Zusammengehörigkeit und Einheit. wenn so Philosophie die Erkenntnis der Gesetze und der Gesetzmäßigkeit in den einzelnen Disziplinen ist, so ist sie eng an diese gebunden und damit vor dem Rückfall in metaphysische Träume geschützt. So ist Idealismus aus dem meist unfruchtbaren Pathos in das „fruchtbare Bathos" (Tiefland — Ausdruck von Kant) der Kultur gestiegen; er 'ist. deren Kraft und Wurzel. An die Stelle momentaner Mallungen des Temperaments ist die stetige, straffe Energie des Denkens getreten. von diesen methodischen Ueberlegungen führt zunächst offenbar kein Weg zum Judentum, es sei denn, daß man diese enge Verbindung von Idee und Mirklichkeit, dieses Urbarmachen der Ideen für und ihr Hineinstellen in die Mirklichkeit als dem Judentum eigentümlich erkennt, wie es einer der besten modernen protestantischen Theologen ausgesprochen hat: Neue Wege gegenüber dem neuen Testament ging Luther nur ,in seiner Lehre von der Meltoffenheit, die über die Verwerfung des Mönchtums und der Gelübde hinaus kein Fundament im neuen Testament hatte. Dafür hat er aber auch an diesem Punkte stark geschwankt und schließlich sich doch an die geschmähte Vernunft und mit besonderer Vorliebe an das Alte Testament gehalten, das ja anders zu den Dingen stand und auch den Reformierten erst ihre Meltethik ermöglichte. (Tröltsch in: Luther und die moderne Melt in den Einzeldarstellungen: Das Lhristentum Seite 9$ bei Muelle u. Meyer $08.) Jedenfalls hat Hermann Lohen starke Kräfte aus dem Judentum gesogen und den Dank durch vornehme und geistvolle Apologetik und durch tiefe Erfassung der Propheten bekundet. Mas die Menschheit dem Judentum zu danken hat, ist von ihm in wuchtigen Zügen herausgemeißelt — in Gelegenheitsschriften und in seinen großen Merken — vor allem in der Ethik. Es wird in diesen Tagen wohl reich und vielseitig dargestellt werden. Bei der heutigen verworrenen und krisenhaften Lage der Religion nrag es vielleicht von größerem Nutzen sein, zu erfahren, was ein Denker, wie Hermann Lohen über sie zu sagen hat. Und mag auch — um das Resultat vorauszunehmen — die Antwort verneinend ausfallen, so verlangt diese Ablehnung aus solchem Munde das sorgfältigste Anhören der Gründe. Hermann Lohens Stellung zur religiösen Frage, ist nicht nur dadurch bedingt, daß die Philosophie alle Kulturgüter auf Gehalt und Mert zu untersuchen hat. Auch die Meite des Blickes und ein warmes Verständnis für die sittlichen Erscheinungen erklären allein nicht die Energie und Wucht mit. der das Problem in Angriff genommen wird. Es ringt hier vielmehr eine starke religiöse Kraft um ihren Ausdruck und Platz innerhalb des Systems. Dieses persönliche Verhältnis zeigt sich einmal in der liebevollen Würdigung des Judentums und der Religion überhaupt für die Geschichte der Menschheit wie nicht minder in dem scharfen Tadel ihrer Verirrungen und Uebergriffe und in der treuen Mitarbeit zu ihrer „Idealisierung"; in fast leidenschaftlich religiöser Empfindung wird Religion von Theologie getrennt, und von tiefster Frömmigkeit zeugt die strenge und keusche