Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 137 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Prof. Ar. Brach: Are Behandlung der jüdischen Geschichte 137 Während die Völker um sie her in Finsternis und betörter Unwissenheit herumkrochen, während täuschende Wunder und Reliquien die Themata waren, über die fast ganz Europa verhandelte, während der Geist des Lhristentums im Joche von grenzenlosem Aberglauben, in eine Todesstarre versunken war, und alle Liebe zur Untersuchung und alles Forschen nach Wahrheit aufgegeben waren, beharrten die Juden auf dem Pfade des Wissens, Kenntnisse sammelnd und den Fortschritt mit derselben unerschrockenen Ausdauer anspornend, die sie in dem Glauben an den Tag gelegt hatten. Sie waren die geschicktesten A e r z t e, die befähigsten Finanziers, und zählten zu den tiefsten Philosophen. Sie waren auch die bsauptdolmetscher der arabischen Wissenschaft für Westeuropa. Aber der wichtigste Dienst, den sie der Welt geleistet haben, ist die Wachhaltung kaufmännischer Tätigkeit, dessen Vertreter sie allein für Jahrhunderte waren." (S. 223 f.). Von den Werken, welche die Bedeutung der Juden auf dem Gebiete der geistigen und materiellen Kultur klarlegen, erwähne ich noch insbesondere die bekannten Arbeiten von Güdemann, Sombart und Zollschan, welche der jüdische Religionslehrer unbedingt gelesen und studiert haben muß; denn ich kann mich der Anschauung Ma^baums in seinem Werke: „Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes" nicht anschließen, daß die jüdische Geschichte nur Religionsgeschichte behandeln soll. Für den Schüler ist es von höchstem Interesse zu erfahren, was die Juden auf dem Gebiete der geistigen und materiellen Kultur geleistet haben. In einer vor kurzem erschienenen Schrift von Dr. Heinrich Berger „Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes" (Leipzig, Gustav Engel, 1911), bie manches Angreifbare, aber auch viel Beherzigenswertes und Interessantes enthält, heißt es mit Recht: „Die jüdische Geschichte zeigt uns den großen und segenspendenben Einfluß, den Israel als Kulturträger und Gotteskämpfer ausgeübt hat. Septuaginta, Vulgata, Targumim und Gnkelos, Lhristentum und Islam, das anerkannte Recht der Vernunft auch auf religiösem Gebiete und die Reformation zeigen uns, wie schön die Saat aufgegangen ist, welche Israel in den Boden der ganzen Menschheit verpflanzt hat. Kulturträger müssen kämpfen, ringen und leiden, müssen den Boden ihrer Täügkeit mit ihrem Herzblut tränken, wenn sie der Wahrheit für die Dauer zum Siege verhelfen sollen. Darum mußte auch Israel innere und äußere Kämpfe bestehen, einen Läuterungs- und Klärungsprozeß in seiner eigenen, — und eine Leidensschule in der Menschheit Mitte durchmachen." Der Religionslehrer muß aber auch die allgemeine Weltgeschich te genau st u d i e r e n und darf sich die Mühe nicht verdrießen lassen, größere Werke aus den Gymnasial- oder Rniversitätsbibliotheken zu entleihen, sofern ihm die Mittel ..zur Selbstanschaffung fehlen. Denn ein Punkt scheint mir bisher viel zu wenig beachtet worden zu sein. Wer nämlich genau die allgemeine Weltgeschichte und die jüdische Geschichte studiert, wird einen viel größeren parallelismus der geistigen Bewegungen zwischen dem jüdischen Volke und den anderen Völkern beobachten können, als man glauben möchte. Darauf wird der Religionslehrer oft hin^ weisen müssen. Ich führe beispielsweise die vielseitige wissenschaftliche Täügkeit der Juden in Spanien zur Zeit des (0. bis 13. Jahrhunderts an im Gegensätze zu der meist einseitigen religiösen Betätigung der Juden in den anderen europäischen Ländern an. Es hängt dies natürlich zusammen mit der vielseiügen Täügkeit der Araber in Spanien auf allen Gebieten im Gegensätze zur einseitigen scholastischen Wissenschaft in 'den übrigen europäischen Ländern. Ebenso finden wir am Anfänge des 15. Jahrhunderts in der Provence, das in der Rähe Spaniens liegt, eine viel freiere Auffassung in religiöser Beziehung, geradeso, wie sie zu gleicher Zeit daselbst auch unter den Waldensern und Albigensern herrschte. Im 8. Jahrhunderte, in welchem die Sekte der Karäer entstand, finden wir zu gleicher Zeit die Scheidung in Schiiten und Sunniten. Ebenso interessant ist es, daß Averroes, der im selben Jahrhunderte lebte wie Maimonides, von dem Bestreben sich leiten ließ, den Koran in Uebereinstimmung zu bringen mit den Lehren des Aristoteles. -Maimonides geht von demselben Bestreben in seinem „More Nebuchim" aus, die^ Bibel mit den Anschau-