Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 136 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Prof. Ar. Krach: Ais Behandlung der jüdischen Geschichte o o Liedern und Gebeten, wie wohl selbstverständlich auch diese von der höchsten Wichtigkeit ist und auf Gesinnung und Charakter einen nachhaltigen Einfluß ausüben muß, der Schüler soll aber auch nicht bloß den inneren Entwicklungsgang seiner Religion, also Religionsgeschichte kennen lernen, wie wohl darauf natürlich der größte wert zu legen ist, sondern auch von dem hervorragenden Anteile Kenntnis haben, den Israel aufzuweisen hat auf allen Gebieten der geistigen und materiellen Kultur, auf dem Gebiete der Wissenschaft und Dichtkunst, auf dem Gebiete der Ethik, des sozialen Fortschritts, auf dem Gebiete des 'Welthandels und der Industrie. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auf eine äußerst interessante Abhandlung Hinweisen, die nicht etwa ein Theologe, sondern ein berühmter Naturforscher christlichen Glaubens, Mathias Jakob Schleiden, der Begründer wissenschaftlichen Botanik, im Jahre 1(876 in den „westermannschen Monatsheften" veröffentlicht hat, . und die den Titel führt: „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung üiid Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter". Nur einige Stellen aus dieser Abhandlung möchte ich anführen. „Ganz Europa hat sein Mittelalter gehabt, eine Zeit der Roheit, des geistigen und sittlichen Verfalles, wie er trauriger nicht gedacht werden kann, nur die Juden machen davon eine Ausnahme. Trotz Zerstreuung und Unterdrückung, die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst die Berechtigung zum Leben raubte, haben sie sich bis zum Ende des Mittelalters ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortentwickelt und den übrigen Völkern die Grundlagen der Sittlichkeit und des geistigen Lebens bewahrt und überliefert." . . . „Als die abendländischen Völker anfingen, sehnsüchtig die bsände nach den köstlichen Früchten alter Geisteskultur auszustrecken, mußten die Juden hinzutreten und sie ihnen zugänglich machen, denn die Christen in ihrer entsetzlichen Unwissenheit verstanden nicht die Sprachen, in denen der Geist der Alten sich mitteilte, wenn die Juden nicht als Uebersetzer gearbeitet hätten, so würden wir wohl noch lange im finstersten Mittelalter stecken geblieben fein." In einer Anmerkung am Schlüsse seiner Abhandlung bemerkt Schleiden: „wenn Herr Professor Billroth in seinem Buche: „Lehreu und Lernen der medizinischen Wissenschaften" sich darin gefällt, seine alten Vorurteile auszukramen (Auerbach hat ihn in p. Lindaus Gegenwart 1(876, S. (7 f., wie mir scheint, noch lange nicht derb genug zurechtgewiesen), so ist das seine Sache; aber wie kann ein öffentlicher Lehrer darin zugleich eine so bodenlose Unwissenheit in der Geschichte seiner eigenen Wissenschaft zur Schau tragen. Er kennt offenbar die ungeheuere Bedeutung der Juden für die Medizin nicht und hat daher nicht bedacht, daß es ohne die Juden vielleicht nie einen Professor Billroth gegeben haben würde." Aber nicht bloß bei Schleiden, sondern auch in einigen anderen berühmten Werken finden wir die Bedeutung der Juden anerkannt. Ich nenne beispielsweise, weil solche Werke auch vom jüdischen Religionslehrer gelesen werden sollen, Draper, Geschichte der geistigen Entwicklung Europas (übersetzt von Bartels, Leipzig (865, 2 Bde.), in der die Hochschätzung der Bildung bei Arabern und Juden nachgewiesen wird. Interessant ist, um nur einiges daraus anzuführen, daß Harun al Raschid — bekanntlich wurde von Karl dem Großen ein jüdischer Gesandter an diesen Kalifen gesandt — eine Verordnung erließ, daß keine Moschee gebaut werden sollte, ohne eine Schule damit zu verbinden. Es braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, daß bei den Juden das Gotteshaus zu gleicher Zeit als Schule diente, (vgl. noch die heutige Bezeichnung „Schul" für Gotteshaus.) Im 2. Bande dieses Werkes (S. (08) lesen wir, daß im ((. Jahrhunderte fast alle Aerzte in Europa Juden waren. Auch in dem interessanten Werke von Lecky (deutsch v. Iolowicz) „Geschichte des Ursprunges und Einflusses der Aufklärung in Europa" wird die Bedeutung der Juden anerkannt. Nur eine Stelle aus diesem Werke möchte ich anführen. Lecky spricht zuerst von den großen Verfolgungen, welche die Juden zu erleiden hatten. Vor diesem Märtyrervolke, das (3 Jahrhunderte lang allen Leiden die Stirn bot, welche der wildeste Fanatismus erdenken konnte, müsse der Heldenmut der Verteidiger jedes anderen Glaubens erblassen. Dann fährt er weiter fort: „Aber trotzalledem schwang sich der Geist dieses wunderbaren Volkes empor.