Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 135

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 135 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126500-3126507--1162-3127966
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

135 Prof. Ar. Mach: Wie Behandlung der jüdischen Geschichte Oie Vekandlung der jüdifchen Gefchidite auf der Oberstufe der JTUffelfchulen (Gymnafien, Realfdiulen etc.) Von Profelfar Dr. Hdolf Biach, Rabbiner in Brüx. (Als Vortrag gehalten am 27. Dezember (9U in IVien im Reichsverbande der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mitlelschulen.) In den vom Ministerium für Kultus und Unterricht herausgegebenen Instruktionen für die Mittelschulen heißt es inbezug auf die Weltgeschichte „Im Bereiche der Geschichte liegt die ganze geistige und sittliche Welt. Wird sie auf dem Wege anschaulicher Gegenständlichkeit mit strenger Wahrheitsliebe und innerer Teilnahme dem Schüler vorgeführt, so muß sie auf sein gesamtes Seelenleben die nachhaltigste Wirkung ausüben . . . Die Bilder menschlicher Größe wirken mit unwiderstehlicher Gewalt auf Willen und Tharakter zurück. Ls sollen durch die Geschichte die Tugenden der Selbstverleugnung und des Opfermutes, es soll überhaupt Interesse geweckt werden, das auch über die Zeit des Schulstudiums hinaus fortwirkt." Liebe Kollegen! Gelten diese Worte für die Geschichte im allgemeinen, so gelten sie gewiß im noch erhöhten Grade für den Gegenstand, den ich für den wichtigsten auf der Oberstufe der Mittelschulen für unsere jüdischen Schüler halte, für die jüdische Geschichte. Denn hier hat es der jüdische Schüler nicht bloß mit dem Leben und Wirken von Völkern zu tun, die vielfach einer längst entschwundenen Vergangenheit angehören, sondern mit der geistigenund sittlichen Welt -eines Volkes, das trotz des größten Martyriums, wie es kein zweites Volk auf Lrden aufweisen kann, sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Der Schüler hat es hier mit der Geschichte des eigenen Volkes zu tun. Wille und Tharakter wird durch ihre Kenntnis gestählt, Opfermut und Selbstverleugnung geweckt, berechtigtes Selbstbewußtsein ob der großen Vergangenheit, Hoffnung für die Zukunft hervorgerufen. Aufgabe des Lehrers aber muß es sein, Interesse für diesen Gegenstand zu wecken und jenes Wort im Auge zu behalten, das Goethe in feinen ,-,Maximen und Reflektierten" ausgesprochen: „Das Beste, was wir von der Geschichte Haben, ist der Lnthusiasmus, den sie erregt." (ß. Kurz, Goethes Werke, \2. Band, S. 667.) Der Schüler muß daher beim Unterrichte in der jüdischen Geschichte Wahrheitsliebe und jene innere Teilnahme und Wärme herausfühlen, welche den historischen Personen und Begebenheiten gebührt. Die Geschichte darf nicht, wie ich dies bereits vor \7 Jahren in meiner j)rogrammarbeit am k. k. Staats-Obergymnasium in Brüx, betitelt: „Wie soll der isr. Religionsunterricht am Gymnasium erteilt werden" ((89O, hervorgehoben habe, wie ein chronologisches oder biographisches Skelett erscheinen; das Gedächtnis der Schüler darf nicht mit bloßen Namen und Zahlen überlastet werden. Unsere Jugend muß durch den Unterricht in der jüdischen Geschichte zur Ueberzeugung gelangen, daß das Judentum eine der wichtigsten Grundlagen der europäischen Zivilisation gebildet hat. Ich möchte bei dieser Gelegenheit an ein Wort erinnern, das der verstorbene Gießener Universitätsprofessor Stade in seiner „Geschichte des Volkes Israel" (1. Bd., Berlin 1887, 5. 3f. in der „Onckenschen Sammlung") ausgesprochen hat. Ls lautet: „Ls ist Israel ohne Zweifel auf dem Gebiete der Religion viel epochemachender, einzigartiger, gewaltiger aufgetreten, als auf dem Gebiete des Staates die Römer, auf dem der Kunst und Philosophie die Griechen. Unser heutiges Denken und Fühlen, unser Tun und Treiben ist bei weitem mehr beeinflußt von der Gedanken- und G e f ü h.l s - weit, welche Israel erzeugt hat als von der Roms und Griechenlands. Unsere gesamte heutige Kultur ist tief durch sättigt mit Richtungen und Trieben israelitischer b) e r k u n f t." Der Schüler soll daher beim Unterrichte in.der jüdischen Geschichte nicht bloß erfahren, was Israel geduldet und gelitten, nicht also bloß seine Leidensgeschichte, nicht bloß Israels Tränen und Seufzer in seinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.