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Liberales Judentum · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 134

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 134 (sequence 14)
Language
German
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134 Tsnr Hamburger: Nester den Wert des liberalen Judentums „Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde" wunderbar fein hingewiesen auf die unendliche Aufgabe der Menschheit, ihrem Urbilde in sittlicher Vollkommenheit nachzustreben? N u r m ü s s e n w i r u n s e r A u g e r i chtig ein stellen, so daß wir die ewige Schönheit der Bibel erkennen! Und wenn auch nicht immer gleichwertige hohe Anschauungen aus ihr uns entgegentreten, so wird auch dadurch der wert der Bibel für uns nicht gemindert sein. Mit um so größerer Ehrfurcht werden wir vielmehr in ihr eine stetig aufsteigende Entwicklung des Gottesbegriffes verfolgen können, die in den . Reden der Propheten ihren nie übertroffenen Höhepunkt gefunden hat. Auch die Wundererzählungen, die wohl manchem von uns wertlos erscheinen mochten, da sie der kritischen Vernunft nicht standhielten, werden wir setzt als den Ausdruck einer kindlichen Zeit betrachten dürfen, der es ganz natürlich war, alle großen Ereignisse, sa alle großen Männer, mit dem märchenhaft schimmernden lVundergewande zu bekleiden. Märchenhaft mag uns überhaupt manches in der Bibel anmuten, aber — und das ist der Kern — der Duft des Märchens schwebt hier immer über tiefreligiösem Grunde. So stellt die Bibel Gott gern im Zwiegespräche mit dem Menschen dar, meistens dann, wenn uns ein wichtiger Entschluß dieses Menschen mitgeteilt werden soll. wer hätte nicht schon selbst in seinem Innern sene eindringliche Stimme vernommen, die wir mit dem Namen „Gewissen" bezeichnen. Und wenn wir an eine hohe, schwere Aufgabe herantreten wollen, sprechen wir da nicht geradezu von einem inneren Kampfe, da die Stimme des Wahren und Guten in uns ringt mit der Stimme der Selbstsucht oder der Schwäche? Auch bei Moses Berufung sind wir Zeuge eines solchen inneren Kampfes, den er in der Einsamkeit der Wüste durchkämpft. wenn es in der Bibel heißt: „Gott sprach' zu Mose, und Mose antwortete," so werden wir gern in dieser Ausdrucksweise den duftigen Zauberschleier der Glaubenspoesie erkennen, durch den auch die geheimsten, dem Menschen selbst nicht einmal bewußten Vorgänge in seinem Gemüte sichtbar werden. Durch diese liberale Anschauung ist gleichsam unser Dhr geschärft worden, so daß wir aus der Musik der Bibel bei aller Mannigfaltigkeit ihrer Klänge doch immer wieder den Grundton erklingen hören, den Ton der schlichten religiösen Innigkeit, der aus all ihren Erzählungen, Satzungen, Psalmen und prophetischen Reden hervorbricht, und der uns immer von neuem ergreifen muß.. Gerade das liberale Judentum ist vor allem geeignet, den schon halb entfremdeten Juden wieder zur Bibel, zum Urquell der Religion, zurückzuführen, nachdem es seinen Sinn frei und empfänglich dafür gemacht hat. — Indem aber das liberale Judentum den Menschen nur hinführt zu dem herrlichen ü)uell und ihn: selbst es überläßt, frei daraus zu schöpfen, macht es ihn gleichsam zum freien Priester seines Herzens und trägt so seinerseits am schönsten bei zur Erfüllung des herrlichen Bibelwortes: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk!"

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