Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 133 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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o o Toni Hamburger: Nrbrr den Mrrt des Liberalen Judentums 133 Zeremonien, die ihren ursprünglichen Zweck, zur Veredlung und Heiligung des Menschen beizutragen, nicht mehr erfüllen, offen als nicht bindend zu erklären? Welche Formen aber als erstarrt, und welche als lebensfähig empfunden werden, das kann jeder nur für sich allein entscheiden! Der eine wird in der Feier des Freitagabends im Familienkreise eine ganz eigene Beseligung empfinden, während vielleicht die bis ins Kleinste gehenden Vorschriften für den Sabbat seinem Gemüte nicht entsprechen. Das liberale Judentum will den Formen ihren gebührenden latz anweisen, will sie, die nur zu leicht als im Mittelpunkt stehend betrachtet werden, als Begleiterscheinungen der Religion hinstellen, deren Erfüllung oder Nichterfüllung in das religiöse Lmxfinden eines Jeden gelegt sei, da sie den Kern des Judentums nicht berührten. Wenn aber der Liberale seinen orthodoxen Bruder ruhig und ehrerbietig seinen Weg gehen läßt, so kann er dasselbe auch von dessen Seite für sich in Anspruch nehmen! Beide Religionsanschauungen, die orthodoxe und die liberale, sind zwei Priestern gleich, die ihre höchste Aufgabe darin sehen, das heilige Feuer der Religion zu hüten. Der eine Priester glaubt, das heilige Feuer ängstlich vor jedem Windhauch schützen zu müssen und umgibt es daher mit Formen, die ursprünglich garnicht so starr und undurchsichtig gewesen sein mögen, in die er sogar bei der Entstehung seine heilige Inbrunst mit hineingegossen hatte, die aber durch die vorüberrauschende Zeit zum größten Teile immer starrer und undurchsichtiger wurden, so daß allmählich das strahlende Licht, das sie bargen, nur noch dem Eingeweihten oder dem besonders Begnadeten sichtbar wurde. Der andere Priester, in dem fröhlichen vertrauen auf die unauslöschliche Kraft der Flamme, der selbst ein Sturmwind nichts anhaben könne, möchte ihren belebenden und erwärmenden Anblick möglichst ungetrübt allen Menschen zu teil werden lassen. Wo aber leuchtet die Flamme in durchsichtigster Klarheit hervor? Wo hat der leuchtende Kern der Religion sein schönstes nur aus zarten, durchsichtigen Schleiern gewobenes Gewand gefunden? In der Bibel. Wer also das Wejen der Religion so recht kennen lernen will, der muß vor allem die Bibel lesen. Für das Studium der Bibel ist aber gerade die liberale Auffassung von unermeßlichem Wert. Nur ganz natürlich wird es uns erscheinen, daß die wissenschaftlichen Anschauungen der Bibel, die noch von alter Zeit herstammen, die Irrtümer ihrer Zeit teilen müssen. Die Bibel kann und will auch garnicht ein Buch der Wissenschaft sein, und wenn sie uns z. 'B. ihre Gedanken über die Entstehung der Welt mitteilt, so sind es nicht diese Gedanken, die sie ja z. T. mit Schöpfungsberichten anderer Völker gemeinsam hat, die ihren Wert für uns ausmachen. Das sind vielmehr die ethischen und religiösen Mornente, die immer wieder in den Vordergrund treten! Nach jedem Schöpfungsakt wird hinzugefügt : „Und Gott sah, daß es gut war", damit andeutend, daß alles nach einem allweisen, allgütigen j)lane geschaffen sei. Am Schlüsse aber, nach der Erschaffung des Menschen, als der Krone der Schöpfung, heißt es: „Und Gott sah alles, was er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut." Was für eine Lebensfreude leuchtet aus solchen Worten hervor, und in welch innigem Verhältnis zueinander werden hier Schöpfer und Geschöpf dargestellt! — Und wird nicht mit den schlichter: Worten: