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Liberales Judentum · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 132

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 132 (sequence 12)
Language
German
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132 Toni Hamburger: Urdrr den Wert des liberalen Judentums Und worin erkennt Micha die dritte sittliche Forderung? In der Demut. Ob wir gleich die höchsten Erfolge errungen, oder ob wir tief gebeugt unter schwerem Schicksalsschlage einhergehen, in Demut sollen wir uns neigen vor der höheren Macht, die uns über Höhen und durch Abgründe leitet. Vor Ueberhebung im Glücke, aber auch vor Verzweiflung im Unglücke warnt uns diese letzte Forderung und führt uns damit zugleich dem beseligenden Gottvertrauen zu. Es ist wohl nicht zufällig, daß Micha bei dieser so bedeutsamen Erklärung an das Volk die Anrede „o Mensch" gewählt hat. In der Tat sind diese Forderungen der Gerechtigkeit, der Liebe und der Demut allgemeingültig für jeden Menschen, gleichviel welcher Religion er angehören mag. Indem aber das Judentum sie als seine alleinigen Grundlehren hinstellt, erhebt es sich zur Religion der Menschheit. Freuen wir uns also, daß unsre Religion den Reim des Universalismus in sich trägt! Freuen wir uns auch, daß das Judentum seinen Bekennern keine hemmenden Schranken zwischen Denken und Glauben legt, da es keine Dogmen aufgestellt hat. Es ist einmal gesagt worden, wir Juden seien „heimliche Könige". Seien wir also stolz auf unser Königtum, das sicher einmal allen Menschen offenbar wird! Aber schon jetzt können wir unseren Königsmantel so tragen, daß seine leuchtenden Farben deutlich hervortreten! Schon jetzt können wir ihn befreien von dem Staube, der sich allmählich darauf gelagert hat! Und in diesem Sinne befreiend, will ja gerade das liberale Judentum wirken! Hierin aber folgt es nicht nur, wie wir schon gesehen haben, den Spuren der Propheten, die nicht müde wurden, das Volk immer wieder vor der Ueberschätzung der äußeren Formen zu warnen, sondern es kann auch für seine freiere Auffassung vom U)esen der Religion aus "der nachbiblischen Zeit den anerkannten Gelehrten Hillel in die Schranken führen. — Nach der bekannten Erzählung soll einst zu dem weisen Hillel ein Heide gekommen sein, der verlangte, das Judentum in der Zeit kennen zu lernen, da er auf einem Fuße stehen könne. Kurz vorher hatte der Heide dasselbe verlangen an den weisen Schammai gestellt, der der strengeren Richtung angehörte, von Schammai war er schroff abgewiesen worden, Hillel aber antwortete ihm: „Mas Dir zuwider ist, tue auch Deinem Nächsten nicht! Das ist das ganze Gesetz. Alles Uebrige ist Erklärung. Nun gehe hin und lerne!" Der Heide aber rief gerührt aus: „Die Strenge Schammais stieß mich vom Judentum zurück, aber die Milde Hillels hat mich wieder zu ihm geführt!" Hillel gleich, will auch das liberale Judentum alle diejenigen, die sich von der orthodoxen Auffassung abgestoßen fühlen, durch eine mildere, freiere Anschauung wieder zur Religion zurückführen. Und Hillel hat auch nicht davor zurückgescheut, praktisch seine Anschauung von dem nur mittelbaren lvert der äußeren Vorschriften zu vertreten. Zu seiner Zeit hatte sich herausgestellt, daß ein Gesetz, welches bestimmte, jedes siebente Jahr den Armen die Schulden zu erlassen, seinen ursprünglichen Zweck, die Not der Armen zu lindern, nicht mehr erfüllte. Im Gegenteil, durch dieses Gesetz befanden sich nun die Armen in schlimmerer Lage, denn je; weigerten sich doch nun die Reichen, wenn nur das siebente Jahr herannahte, den Armen überhaupt etwas zu leihen. Da hob Hillel du.. . eine neue Verordnung ohne Bedenken das einst so segensreiche Gesetz des Erlaßjahres auf. Ist da nicht auch das liberale Judentum wohl berechtigt, alle diejenigen Formen und

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