Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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131 Toni Hamburger: Ueber den Wert des liberalen Judentums das Gesetz bildeten und ein gemeinsames Band um die Juden der alten Zeit schlossen. Es weist aber auch aus die große Gefahr hin, daß nur zu leicht die Schale mit dem Kern, die Form mit dem Wesen verwechselt werden könne. Daß diese Befürchtung nur zu oft eingetroffen ist, und daß daher der Liberalismus schon in früher Zeit auf den plan treten mußte, zeigen uns die feurigen Reden der Propheten. Schon Amos mußte dem Volke, das sich für fromm hielt, nur weil es Gott Opfer darbrachte, während es doch zugleich die Armen bedrückte, entgegenrufen: „Zch hasse, ich verabscheue eure Feste, ich mag eure Festversammlungen nicht. Bringet ihr mir auch Brand- und Speiseopfer dar, so nehme ich sie nicht gnädig an, und auf die Freudenopfer von eurem Mastvieh schaue ich nicht. Schaffe den Lärm deiner.Lieder von mir weg, das Rauschen deiner Harfen mag ich nicht hören, aber das Recht ströme wie Wasser dahin und die Gerechtigkeit wie ein gewaltiger Bach!" Hosea ermahnte sie: „Denn Liebe verlange ich und nicht Opfer, Gotteserkenntnis mehr denn Brandopfer!" Und Zesaia ruft in flammenden Worten dem Volke zu: „Bringet mir keine nichtigen Gaben mehr, ein Gräuel ist mir dieses Räucherwerk! Neumond, Sabbat und Festversammlung, — sündliches Leben und festliche Feier mag ich nicht. Eure Neumonde und eure Feste hasset meine Seele; sie sind mir zur Last, ich bin endlich müde, sie zu ertragen, und wenn ihr eure Hände ausbreitet, so wende ich meine Augen von euch ab, wie viel ihr auch betet, ich höre es nicht; eure Hände sind des Blutes voll. — Waschet euch, reinigt euch, schaffet eure bösen Taten vor meinen Augen weg! Höret auf, böse zu handeln, lernet Gutes tun, trachtet nach Gerechtigkeit, nehmt euch des Unterdrückten an, schaffet der Waise Recht, führet die Sache der Witwe!" Die Sittlichkeit ist es, die die Propheten am höchsten stellen, ins Nichts versinken ihr gegenüber die äußerlichen Formen. Und gleich dem Propheten Micha, der, als das Volk vor ihm stand, fragend, wie es Gott am besten dienen könne, in die schlichten und doch 'so tiefen Worte ausbrach: „Es ist Dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was der Ewige von Dir fordert: nichts anderes als Recht zu tun, Liebe zu üben und in Demut zu wandeln vor Deinem Gotte!" so ruft auch das liberale Judentum jedem, der zweifelnd und fragend vor ihm steht, zu: „Weißt Du es noch nicht? Es ist Dir doch längst gesagt, o Mensch! Spürst Du es nicht aus den herrlichen Worten der Propheten, was das Ziel des Judentums, ja der Religion überhaupt ist?" Als damals Micha dem Volke die tief religiösen und sittlichen Forderungen der Gerechtigkeit, der Liebe und der Demut als die Grundlehren der Religion ans Herz legte, da mag wohl mancher gedacht haben: „Das ist ja viel leichter zu erfüllen, als die zahllosen Zeremonien und Opfer!" Und doch, mußte er sich vielleicht bekennen, hatte er manchmal gerade über den Zeremonien diese weit wichtigeren sittlichen Forderungen vergessen. Und, wenn man diese recht betrachtete, waren sie nicht doch viel schwerer zu erfüllen? Sie erforderten ja den ganzen Menschen! Zmmer das Rechte zu hm, stets nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, welcher Selbstverleugnung bedarf es da oft! Doch erst die durch 'Liebe gemilderte Gerechtigkeit erhebt den Menschen zu seiner Würde. Was sollte aus uns werden, wenn wir nicht einander mit verstehender Liebe begegneten, wenn wir nicht uns zugefügtes Unrecht milde verzeihen wollten?