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Liberales Judentum · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 130

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
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130 Toni Hamburger: Ueber den Wert des liberalen Judentums alte Bräuche kaum noch verstehen oder doch ihren lVert für unsre Zeit nicht mehr einsehen kann, da er in der Bibel auch Irrtümer gefunden und sie als ein Werk von Menschenhänden betrachten muß. Das liberale und das orthodoxe Judentum möchte ich mit zwei Wanderern vergleichen, die auf verschiedenen Wegen einem gemeinsamen hohen Ziele zustreben! Der eine liebt die luftigen Höhen, wo ihn der Atem der Freiheit anweht, und wo sein Auge ungehindert bis in die weitesten Fernen schweifen kann. Den Wanderstab in der Hand, nur mit dem Allernotwendigsten versehen, kann er sich ganz dem Genüsse beim Anschauen der herrlichen Gottesnatur hingeben. Der andere Wanderer geht nur langsam bergan; oft muß er auf Umwegen suchen, sein Ziel zu erreichen, geht er doch gebeugt unter einer Last von Dingen, die dem vorübergehenden fremdartig und zwecklos erscheinen mögen, die aber für ihren Träger tausend liebe Erinnerungen und Schätze bergen. Begegnen sich nun die beiden Wandrer, so möchte wohl der mit der leichten Last dem andern gern zurufen: „Wirf sie von Dir, all die zwecklosen Dinge, sieh', dann kannst Du frei und leicht wie ich dem leuchtenden Ziele entgegenwandern!" Der andere aber mag wohl antworten: „Für mich sind es 'keine zwecklosen Dinge; sie sind mir teuer von meinen Vätern her, ich möchte sie nicht missen, ja, ich fühle ihre Last nicht einmal!" — Wie töricht wäre da der erstere, wenn er jetzt nicht schwiege, nicht seinen Bruder ruhig nach seiner Art weiterwandern ließe! Das liberale Judentum denkt auch gar nicht daran, das orthodoxe zu bekämpfen. Wie dürfte es sich sonst auch liberal nennen, wenn es nicht jede ihm noch so ferne Anschauung ehrte! Ls wendet sich auch gar nicht an die. Orthodoxen, die in der Betätigung der ihnen liebgewordenen religiösen Pflichten ihr höchstes Glück, ihre innere Befriedigung finden. Diese bedürfen nicht seiner Hilfe, wenigstens nicht, solange sie wirklich fest in ihrer Anschauung wurzeln. Ist dieses aber nicht mehr der Fall, oder droht der Orthodoxe unter der selbstaufgebürdeten Last zusammenzubrechen, so hat der Liberale das Recht, ja sogar die Pflicht, ihm den Vorschlag der Selbstbefreiung zu machen. Jedoch nicht nur der Orthodoxe kann unter der Last der Formen leiden, auch für die Juden, die sie selbst nicht halten, können diese Formen eine ernste Gefahr bedeuten. In der irrigen Meinung, die Zeremonien, denen sie selbst doch ziemlich fremd gegenüberstehen, seien unauflöslich mit dem Wesen der jüdischen Religion verbunden, glauben sie, mit dem Judentum überhaupt nichts mehr gemeinsam zu haben — und fallen entweder ab oder bleiben als Indifferente, bei denen die Liebe zur Religion im Reime erstickt ist. Für diese Menschen ist nun das liberale Judentum von unschätzbarem Wert. Ihnen will es die helfende Hand reichen und sie auf lichteren Wegen einführen in den heiligen Tempel der Religion. Wie ungerecht ist der Vorwurf von seiten der Orthodoxie, der Liberalismus sei nur eine Vorstufe zur Auflösung der Religion! Gerade der Auflösung entgegenzuarbeiten ist ja die vornehmste Aufgabe, die sich das liberale Judentum gesetzt hat. Ts zeigt dem schon halb entfremdeten Juden den leuchtenden Kern der Religion, nachdem es ihn von der rauhen Schale befreit hat. Gs zeigt ihm, daß die zahllosen Formen und Zeremonieen wohl einst ihren hohen Wert hatten, da sie einen Zaun um

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