Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Toni Hamburger: Uekrr den Wert des liberalen Judentums 129 aufzusuchen, um religiöse Anregungen zu empfangen und ihre Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinde öffentlich zu bekunden. Und ähnliches gilt von den Männern: Gin jüdischer "Mann, der an den Sabbat denkt, der mag durch seinen Beruf noch so sehr gezwungen sein, den Ruhetag zu einem Tage der Arbeit zu stempeln: hin und wieder wird er es zu ermöglichen suchen, in das Gotteshaus zu gehen und dem Ruhetage einen, wenn auch noch .so geringen Tribut zu entrichten. Lin jüdischer Arbeitgeber, der an den Sabbat denkt, wird sich auch der Verpflichtung nicht entziehen, seine jüdischen Eingestellten nach Möglichkeit hin und wieder auf kurze Zeit zmn Gottesdienst zu beurlauben, damit die junge Welt nicht ganz vergesse, daß es einen Sabbat gibt. Lin jüdischer Vater, der an den Sabbat denkt, wird auch seine Rinder anweisen, nach beendetem Schulunterricht keine Arbeiten anzufertigen, sondern dies erst am Abend nach Schluß des Ruhetages oder am folgenden Tage zu tun. Unsere orthodoxen Glaubensgenossen fordern, jeder Jude solle am Sabbat seine Berufsarbeit einstellen, sie müßten sogar auch fordern — merkwürdigerweise tun sie es meistens nicht —, die jüdischen Litern sollen ihre Rinder am Sabbat nicht in die Schule schicken. So weit können die Liberalen von ihrem Standpunkt aus in ihren Forderungen natürlich nicht gehen. Sie können sich der Tatsache nicht verschließen, daß es für die große Mehrheit der Juden unmöglich ist, zwei Ruhetage in der Woche zu halten. Darin aber muß jeder religiösliberale Zude mit den Orthodoxen überein stimmen, daß wir den Sabbat nicht unrühmlich dürfen untergehen lassen. Rein Liberaler daher, wenn er den Gedanken an eine etwaige Sabbatverlegung von sich weist, darf sich der Pflicht entziehen, an den Sabbat zu denken und sich alle Mühe zu geben, den überlieferten Ruhetag, so weit es in seinen Rräften steht, durch religiöse Weihe auszüzeichnen. Freilich, der biblischen Forderung: „Am Sabbat sollst du keinerlei Arbeit verrichten" werden wir damit noch immer nicht gerecht. Allein bei einem so kostbaren Gut, wie dem Sabbat, ist etwas doch immer noch besser, als nichts; da müssen wir retten, was zu retten ist. Die Orthodoxen in ihren verdienstvollen Schomrö - Schabbos - Vereinen erstreb ben die völlige Sabbatruhe; erreichen können sie sie allerdings nur für einen recht kleinen Rreis. Wir Liberalen wünschen zu erreichen, daß alle Zuden des Sabbats gedenken und ihn nach Möglichkeit heiligen. Beide Richtungen wissen also vön vornherein, daß sie auf einen restlosen Lrfolg nicht zu rechnen haben. Das wird sie aber nicht hindern dürfen, jede auf dem von ihr für richtig erkannten Wege für die Lrhaltung des Sabbatgedankens zu wirken und damit für die Lrhaltung des Judentums. Ueber den Wert des liberalen Judentums. Von Toni fiamburger-Charlottenburg. s ist vielfach behauptet worden, das orthodoxe Judentum sei das einzig wahre, auf den Namen „Jude" habe nur der Orthodoxe ein Recht, der gewissenhaft die ihm überlieferten Formen und Bräuche hält, der in der Bibel ein von Gott geschriebenes Buch sieht, das also nie einen Zrrtum enthalten kann. Wenn wirklich das orthodoxe Judentum das allein maßgebende wäre, wie stünde es dann um die Zudenheit? Der größte Teik. müßte sich als Heide fühlen, da er viele