Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Dr. Norden: Mas soll aus unserm Sabbat werden? suchen inöchten, ihn aber nach Lage der Dinge nun einmal nicht besuchen können. Meinen alle diejenigen, die der Entrüstung so voll sind, es denn auch mit dem Sabbat ernst und ehrlich? Wollen sie denn den durch die Ueberlieferung geheiligten Tag der Woche wirklich erhalten? Dann müssen sie sich doch füglich sagen, daß das schwierige Problem mit Nichten durch Schreien gelöst wird. Dann sollen sie durch die Tat bezeugen, daß ihnen die Erhaltung des Sabbats an dem überlieferten Tage am Kerzen liegt. Gder glauben sie etwa, der Sabbatgottesdienst könne lebensfähig bleiben, wenn sie nicht mit dazu beitragen, ihn durch häufigeren Besuch zu heben und zu beleben? Glauben sie, der Sabbatgeist könne in den jüdischen bsäusern wehen, wenn sie nicht mit dafür Sorge tragen, daß er in das Haus einzieht? Ls ist dringend nötig, daß in einer so unendlich wichtigen Frage, in einer Frage, die geradezu den Lebensnerv des Judentums berührt, die Unklarheit und Verschwommenheit, die Unwahrhaftigkeit und Unehrlichkeit endlich einmal einem klaren und ehrlichen Nachdenkenplatz machen. Dasklare und ehrlicheNachdenkenaberführt zu folgendem Ergebnis: Wenn wir Liberalen das Sabbatgebot als ein hohes und heiliges, grundlegendes und schwerwiegendes Gebot des Judentums anerkennen — und das tun wir crlleohne Unterschied —, dann gibt es für seine Lr - Lrfüllung nur zwei Möglichkeiten: Wir können dem Drucke der Umgebung weichen und, um den großen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, den Sabbat auf den bürgerlichen Ruhetag verlegen. Wer diese Lösung aberfürverkehrtund gefährlich hält und sie demgemäß ablehnt, für den ergibt sich die selb st ver stündliche Pflicht, alles aufzubieten, um die Sub b ath eiligung, allen Schwierigkeiten zum Trotze, an dem überlieferten Tage so weit durchzuführen, wie nur irgend angängig. L i n e dritte Möglichkeit gibt es nicht. Beinahe will es mir scheinen, als habe der biblische Schriftsteller bei der Festsetzung des Wortlautes des Sabbatgebots die heutige Zeit mit Seherblick vorausgeschaut, als habe er das Gebot mit Absicht nicht einfach begonnen: „heilige den Sabbat", sondern den einleitenden Worten die Fassung gegeben: „G e d e n k e des Sabbattages, daß du ihn heiligst." Wie kommt es denn, daß der Sabbat heute in den wenigsten jüdischen Däusern auch nur einigermaßen geheiligt wird? Weil man nicht mehr an ihn denkt, weil man sich davon entwöhnt hat, ihn im religiösen Denken und Fühlen eine Rolle spielen zu lassen, Hier muß in den liberalen Kreisen der Süden heit der Hebel angesetzt werden. Das ist zwar unbequemer, als das billige Geschrei gegen Sabbatverlegung und Sonntagsgottesdienst, dafür aber auch verdien st voller, vor allen Dingen müssen die liberalen Süden wieder lernen, an den Sabbat zu denken; dann werden sie ihn wenigstens auch so weit zu heiligen suchen, als es bei den ungünstigen Verhältnissen nur irgendwie möglich ist. Line jüdische Frau, die an den Sabbat denkt, wird es auch so leicht nicht unterlassen, dem Vorabend eine besondere weihe im Kreise der Familie zu verleihen. Sie wird ihr Hauswesen so einzurichten verstehen, daß auf diesen Tag keine geräuschvollen Arbeiten gelegt werden. Sie wird auch hin und wieder das Bedürfnis fühlen, an diesem Tuge das Gotteshaus