Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Nr. Norden: Mas soll aus unsrrm Sabbat werden? 127 Sabbatfeier bleiben. Zwei Ruhetage in der Woche können wir uns nicht leisten. Die Verlegung auf den Sonntag wäre das Todesurteil für das historische Sudentum. — Aber wir können am Sabbat wenigstens zeitweise den Gottesdienst aufsuchen und diesen Tag mit einer gewissen Weihe umgeben. Gegen die Verlegung des Freitag-Abend-Gottesdienstes auf eine späte Stunde nach Schluß der Tagesarbeit, wird kein aufgeklärter Jude etwas einwenden. Daß ich keiner puritanischen Sabbatfeier das Wort rede, die das Fahren mit der Trambahn, das Rauchen und dergleichen verbietet, ist selbstverständlich."-) Die Offenheit, mit der die beiden bserren ihre Ansichten über die Sabbatfrage von ihrem liberalen Standpunkte aus aussprechen, kann nicht anders als sympathisch berühren. Sch bin fest überzeugt: Wen n wir nur ' imitier offen und mutig u n s r e A n s ch auunge n vertreten würden, wir kämen s ch n e l l e r vorwärts, sowohl in dieser, als auch i n m a n ch e r a n d e r n F r a g e. Aber gerade bei der Erörterung der Sabbatfrage begegnen wir nicht selten einer Gedankenlosigkeit und einer Scheinorthodoxie, die uns die Behandlung der Frage unendlich erschwert. Frage ich jemanden: „worin siehst du die Sabbatheiligung?", so kann ich zehn gegen eins wetten, daß die Antwort lauten wird: „Alan soll nicht fahren, nicht schreiben, nicht baden, nicht rauchen, nicht musizieren," und dergleichen inehr. Ts ist gerade, als kennten diejenigen, die so antworten, den Wortlaut der zehn Gebote nicht mehr, als wüßten sie nichts von dem Bibelwort: „Der siebente Tag sei ein Ruhetag dem Twigen, deinem Gotte; da sollst du keine Arbeit verrichten." Da steht doch eigentlich deutlich genug, was unter Sabbatheiligung zu verstehen ist. Roch deutlicher drückt es Jesaja aus: „Du sollst an meinem heiligen Tage deine Berufs- -) Liberales Judentum, Oktoberhest 1911, S. 229. | geschäfte nicht verrichten, sondern den Sabbat einen Tag der Lust nennen." Das ist die einfache, schlichte, ungekünstelte Auffassung von der Sabbatruhe: „Unterbrich deine berufliche Tätigkeit und mache den Sabbat zu einem Tage der Freude." Lrst einer späteren Zeit war es Vorbehalten, gekünstelte Verbote aufzuftellen und Tätigkeiten, wie Schreiben, Musizieren, Fahren mit dem Begriff melocholi (Arbeit, Verrichtung) in Verbindung zu bringen. Das aber müssen wir ohne weiteres zugeben: Diejenigen, welche jene künstlichen Verbote ausgestellt haben, meinten es doch 'wenigstens ehrlich, grundehrlich: Durch die zahlreichen neuen Verbote und Beschränkungen wollten sie die von der Bibel geforderte Sabbatruhe erhöhen, wir Süden der Gegenwart aber, sind w i r ehrlich? Da verstoßen wir, gewiß nicht aus Uebermut, aber immerhin verstoßen wir doch gegen das wirkliche Sabbatgebot, indem wir unsern Berufsgeschäften nachgehen, wie an jedem andern Tage der Woche, und gleichzeitig streiten wir uns mit ernster Miene herum, ob man am Sabbat schreiben oder zeichnen, fahren oder reiten, rodeln oder schlittschuhlaufen, Klavier oder Geige spielen darf. So vergeuden wir die kostbare Zeit mit der Lrörterung lächerlich kleinlicher Dinge, die mit der eigentlichen, vom Gesetzgeber geforderten Heiligung auch nicht das geringste zu tun haben. Sn manchen Fällen mag das nur Unwissenheit und Gedankenlosigkeit sein, in manchen wohl aber auch Unwahrhaftigkeit und Heuchelei, indem man sich darüber hinwegtäuschen möchte, daß man am Ruhetag dem Trwerb nachgeht. Nicht weniger gedankenlos oder nicht weniger unwahrhaftig ist das laute Geschrei, das sich jedesmal dann erhebt, wenn sich der Vorschlag ans Tageslicht wagt, man solle an dem bürgerlichen Ruhetage auf Wunsch das Gotteshaus denjenigen öffnen, die den Gottesdienst am Sabbat gern be-