Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Ar. Norden: Mas soll aus unserm Sabbat werden? Anzahl wirklich wertvoller und bedeutungsvoller Sinnbilder beschränken. War in alter Zeit jede Verletzung des Zeremonialgesetzes gleichsam ein Zeichen der Verleugnung der religiösen Idee des Judentums, so urteilen wir heute anders. Wir bemessen die Frömmigkeit des Einzelnen nicht nach der Menge der religiösen Formen, die er ausübt. Wir halten es nicht für angängig, in juristischer Weise etwa festzustellen, was als Arbeit gilt, die am Sabbat verboten ist, sondern wir sagen: was die Weihe und Freude des Sabbats und des Festes zu fördern geeignet erscheint, ist erlaubt, ja geboten, auch wenn es mit der Anschauung der Alten nicht übereinstimmt, was Sabbat- und Festtagsfreude und -Weihe stört, was sie bedrückt und ihnen einen werktäglichen Tharakter aufprägt, ist verboten. Wir halten darum denjenigen nicht für einen schlechteren Juden und wollen nicht, daß er sich selbst dafür halte, der etwa am Sabbat ein Licht anzündet oder musiziert oder der am Sabbat fährt u. dgl. Auch auf religiösem Gebiete wollen wir zu Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeitsgefühl erziehen. Darum aber wollen wir nicht einen neuen liberalen Schulchan aruch feststellen. Eines schickt sich nicht für alle. Bei gleicher Grundanschauung mögen in formalen Fragen die Einzelnen sich verschieden verhalten je nach seelischer Verfassung, nach Ueberlieferung und Gewohnheit, nach Umgebung und persönlichen Lebensschicksalen. Wir wollen ganz besonders nicht die Aeußerungen der Religion für alle Zeiten giltig feststellen. Die Lehre des Lebens schafft sich mit lebendiger Kraft in jeder Zeit den Ausdruck, dessen sie bedarf. Der religiösen Not unserer Zeit wollen wir gerecht werden, so die religiösen Ideen festhalten, vor Erstarrung bewahren und un- . verkümmert der Zukunft überliefern. Das ist unser Religio nsgesetz, das liberale Treue gegen die Religion. Was fall aus unserm Sabbat roerden? Von Rabbiner Dr. Florden-Clberfeld. er mit bserz und Seele unserer religiösliberalen Sache ergeben ist, der wird mit regem Interesse und mit aufrichtiger Freude die Aufsätze in unserm „Liberalen Judentum" verfolgen, die sich mit den allgemeinen Grundsätzen des religiösen Liberalismus beschäftigen. Wir können dieser Abhandlungen gar nicht entraten; denn in den Köpfen unserer Anhänger herrscht teilweise noch viel Unklarheit über die Grundgedanken, auf denen unsere Bewegung sich aufbaut, und so ist noch ein gut Teil Aufklärungsarbeit zu leisten. Ueber den allgemeinen Fragen und den theoretischen Erörterungen, dürfen nun aber die einzelnen Probleme und die praktischen Fragen der Gegenwart nicht vergessen werden. Mit Recht räumt unsere Zeitschrift daher auch ihnen den gebührenden Raum ein. Unter den praktischen Gegenwartsfragen des Judentums steht die Sabbatfrage zweifellos mit in erster Reihe. Es erscheint denn auch kaum eine Nummer unserer Zeitschrift, in welcher dieses schwierige Problem nicht wenigstens gestreift wird. So schreibt Dr. Karl Ittner gegen Schluß seiner Abhandlung über die jüdischen Speisegesetze: „Die Disharmonie zwischen Lehre und Leben an jedem siebenten Tage dev Woche ist ein Zustand, der dem Judentum geradezu zur Unehre gereicht."^) Und unmittelbar darauf läßt sich 'Adolf w. Lichtenstädter in seinem Aufsatz: „Konservative Gedanken eines Liberalen" folgendermaßen aus: „Die schwierigste Frage wird immer die der I Liberales Judentum, Oktoberheft 1911, S. 226.