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Liberales Judentum · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 125

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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125 Hermann Ungeistern: Liberalismus und Reiigisnsgefrtz zu sehr im tiefsten Grunde der Menschenseele haftend, als daß sie mit formalen juristischen Distinktionen erfaßt, als daß nach solchen Distinktionen ihre Aeußerungen geregelt werden könnten. Das liberale Judentum will nicht eine schrankenlose Willkür, aber ebenso wenig eine unbedingte Bindung des Einzelnen, es fordert vielmehr von einem jeden Bekenner gewissenhafte Prüfung und auf Grund dieser Prüfung Erfüllung desjenigen, was geeignet ist, seinem religiösen Empfinden den rechten Ausdruck zu geben, was ihn in innige Beziehung zu Gott bringt, was fein Leben weiht und heiligt und in ihm das Bewußtsein der großen Vergangenheit und der großen Zukunft des Judentums, des Charakters des Judentums als Weltreligion, der engen Zusammengehörigkeit aller Bekenner des Judentums festigt. Darum legt das liberale Judentum ganz besonderen wert auf die Feier des Sabbats und der Festtage. Gerade in der Gegenwart dringen wir, da die wirtschaftlichen Verhältnisse leider vielen eine völlige Sabbatruhe unmöglich machen, um so nachdrücklicher auf Sabbatweihe und Sabbatfeier in Synagoge und Haus. Das Familienhaus der Religion und der religiösen Uebung wieder Zurückzugewinnen, ist unser ernstestes Bestreben. Das Wort „ich und mein Haus, wir wollen dem Ewigen dienen" soll wieder für jedes jüdische Haus Geltung haben. Sabbat und Feste sollen nicht unbeachtet bleiben, sondern in schlichter, häuslicher Feier begangen werden, die bedeutsamen Abschnitte im Leben des Einzelnen sollen religiös geweiht werden, Geburt, Hochzeit und Tod und der Eintritt der Knaben und Mädchen in das reifere Alter. Der Gottesdienst in den Synagogen soll das religiöse Empfinden in wahrhafter und weihevoller weise ausdrücken und anregen, soll nicht wünsche aussprechen, die wir nicht hegen, soll, um wahrhaft wirken zu können, der Muttersprache den ihr gebührenden breiten Raum lassen und dabei die hebräische Sprache, dies Bindeglied mit heiligen Ueberlieferungen der Vergangenheit wie mit den Glaubensgenossen in allen Ländern, festhalten. Kürzung und Vereinheitlichung des Gottesdienstes verlangen wir. Auf die religiöse Unterweisung und Durchbildung der Jugend richten wir unser Augenmerk. In Uebereinstimmung mit der Kultur der Gegenwart soll die religiöse Unterweisung stehen und die Seelen unserer Jugend erfassen. Dazu bedarf es wiederum der Förderung der Wissenschaft, der vertieften und den Zeitverhältnissen entsprechenden Ausbildung der Rabbiner und Lehrer. Sind vorstehend einige der wichtigsten positiven Forderungen flüchtig angedeutet, so muß eine andere Seite unserer Aufgabe kurz skizziert werden. Die grundverschiedene seelische Verfassung des modernen Menschen einerseits und der antiken und mittelalterlichen Menschen andererseits bedingt die Verschiedenheit in der Beurteilung der Formen. Der antike und mittelalterliche Mensch war konventionell gebunden, der.moderne Mensch fügt sich nicht in diese Gebundenheit, sondern verlangt individuelle Freiheit. Der antike und mittelalterliche Mensch hat sein innerstes Empfinden laut und unverblümt zum Ausdruck gebracht, der moderne Mensch scheut sich das innerste Empfinden besonders sinnfällig zu äußern. Unsere Vorfahren haben sich daher aus tief religiösem Empfinden heraus nicht genug tun können in religiösen Formen und Gebräuchen, die jeden Augenblick des Lebens begleiteten. Wir modernen Menschen können ihre Beweggründe würdigen, aber wir vermögen es ihnen nicht gleich zu tun, selbst wenn wir es wollen. Diese Fülle von Formen und Bräuchen, die jenen der Ausdruck religiöser Gesinnung gewesen ist, würde uns die Religiosität leicht ersticken und ertöten. Aus Religiosität müssen wir die religiösen Formen auf eine kleinere

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