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Liberales Judentum · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 119

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 119 (sequence 23)
Language
German
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Nnndschan 119 wenn wir uns an den (Sott der Wahrheit ' wenden. An der bjand einer Reihe von Beispielen zeigt Redner die Abweichungen des Vogelsteinschen 'Gebetbuchs von den überlieferten Gebeten. Neben der Reform des Gottesdienstes beschäftigte Vogelstein in ausgiebiger Weise die Reform der jüdischen Ehegesetze. Auf diesem Spezialgebiet war er sachverständig, wie wenig Andere. Ihm waren alle die kleinen und großen Notstände vertraut, von denen die Laienwelt nie, oder doch nur sehr selten, etwas zu hören bekommt. Am ZlTcti \908 hielt er auf der Tagung der „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands" ein ausführliches Referat, in welchem er nachwies, daß die jüdische Ehegesetzgebung im Laufe der Zeiten, besonders auf dem Gebiete der Thalizah und der Ehescheidung, zum Teil einen geradezu ungeheuerlichen Charakter angenommen hat. Der Scheidebrief (6et) in seiner bisherigen Gestalt sei, durch die völlige Außerachtlassung der seit seiner Einführung entstandenen veränderten Verhältnisse, zu einer Karrikalur eines religiösen Aktes herabgesunken, er könne unmöglich das geeignete Mittel fein, um den von der Religion geweihten Ehebund endgiltig zu lösen, wenn die Orthodoxie, auch angesichts dieses unerträglichen Notstands, auf ihrem starren Standpunkt verharre, so dürften wenigstens die liberalen Rabbiner nicht länger zögern, die Reform der Ehegesetze in die Pand zu nehmen, falls sie es nicht dahin kommen lassen wollen, daß man bei Lösung des Ehebundes auf die Mitwirkung der Religion einfach verzichtet. Die Rabbiner seien dazu berufen, das religiöse Leben zu fördern und von seinen Hemmnissen zu befreien; es sei ihre Pflicht, auf dem Gebiete der Ehegesetzgebung haltbare und -gesunde Zugeständnisse herbeizuführen; „und sollte dies ohne Aenderung der biblisch-talmudischen Ritualbestimmungen nicht möglich sein, so müssen eben in Gottes Namen solche Aenderungen vorgenommen werden. „Die Religion steht höher als eine einzelne religiöse vorschrif t." „Mit Mut und gläubiger Zuversicht, mit Entschlossenheit und Pietät, ohne Menschenfurcht, wollen wir ans Werk gehen, das einer ernsten Beratung auch gelingen wird." Kurz und treffend hat Vogelstein seinen Standpunkt noch im vorigen Jahre, zwei Monate vor seinem Tode, auf der bjauptversammlung des Rabbinerverbandes entwickelt. Tr sprach sich da mit aller £nt? schiedenheit gegen eine Festlegung auf den Schulchan-Aruch aus, als eine solche in einem der preußischen Regierung zu unterbreitenden Gesetzentwurf, der eine Reform des Iudengesetzes vom Jahre bezweckt, zu erfolgen drohte; und er erreichte auch die einstimmige Annahme seines Antrags?) Daß Vogelstein der geistige Vater der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" ist, indem er durch einen Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" den Anstoß zu ihrer Gründung gegeben hat, ist bekannt. Einige, besonders packende, Sätze aus der Rede, die Vogelstein am Gründungstage (3. Mai O08) in Berlin gehalten hat, brachte der Vortragende zur Verlesung. Der Redner faßte am Schlüsse die hervorstechendsten Eigenschaften Vogelsteins noch einmal zusammen, rühmte sein bescheidenes, anspruchsloses Wesen, seinen unverwüstlichen Optimismus, seine jugendliche Spannkraft, die ihn bis zu seinem Tode nicht verlassen hat, und seinen mit großer pflichttreue gepaarten geraden, ehrlichen Sinn. Der lebhafte Beifall, in den auch 'die Gegner unserer Vereinigung einstimmten, bewies, daß der Vortragende es verstanden hatte, die Versammlung zu fesseln und ihr die Persönlichkeit Vogelsteins zum Freunde zu machen. *) Verhandlungen und Beschlüsse der Generalversammlung des Nabbiner-Verbandes in Deutschland zu Berlin am 7. und 8. Juni 1911. Breslau, Koebner'sche Verlagsbuchhandlung, S. 48 ss. u. S. 117 ff. Fürth i. K. 2tus unserem Vereinsleben im verflossenen Winter ist nur zu berichten, daß am 6. Dezember v. I. Herr Rabbiner Dr. Ziegler aus Karlsbad einen höchst geistreichen und fesselnden Vortrag über „Religion und Nationalität" hielt und bei den zahlreichen Anwesenden, Mitgliedern und Nichtmitgliedern unseres Vereins, den lebhaftesten Beifall erntete.

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