Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 118 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Nrrndschau o o o o Rundldiau, Nachruf auf K. Nogelstein. Elberfeld, im April \%2. Die Verdi e n st e des entschlafenen Rabbiners Dr. Heinemann Vogel st ein (Stettin) beleuchtete jüngst in einem von unserer Ortsgruppe veranstalteten öffentlichen Vortrage der Rabbiner unserer Gemeinde, Herr Dr. Norden. Zu diesem vortrage hatten sich, auf Grund erfolgter Ginladung, auch Mitglieder der hiesigen zionistischen Ortsgruppe Zoria, sowie einige Vorstandsmitglieder der Ortsgruppe Köln der Liberalen Vereinigung eingefunden, unter ihnen das Vorstandsmitglied unserer Vereinigung Herr Bruno Heidenheim. Der Redner führte etwa folgendes aus: Mir können drei Kategorien bei den Rabbinern unterscheiden. Zu der ersten Kategorie gehören die phlegmatischen Naturen. Diese Rabbiner erfüllen ihre Pflichten schlecht und recht. Zm übrigen ist es ihre größte Sorge, bei keinem Gemeindemitglied „Anstoß zu erregen". Sie möchten es mit Niemanden verderben, darum gehen sie den brennenden Tagesfragen vorsichtig aus dem Mege; sie wollen ihre Ruhe haben. Die zweite Kategorie könnte man die Gewissenhaften nennen. Sie stehen gewiß nicht auf dem Standpunkt, nur das tun zu müssen, wozu sie vertragsmäßig verpflichtet find. Allein sie wissen sich in den Mirren der Zeit nicht zurechtzufinden und trauen sich keine Znitiaüve in den schwebenden Fragen zu. So suchen sie denn irgend ein anderes Gebiet, das über den Rahmen der Gemeinde hinausragt, dienen der Missenschaft oder der Tharitas und leisten da häufig recht Ersprießliches und Anerkennenswertes. Zn der dritten Kategorie finden wir die Eifrigen, die Theologen im besten Sinne des Wortes, die religiösen Führer der Z u d e n h e i t. von ihnen gilt das Mort des Talmud: talmide chachomim en lohem menuchoh; „die religiösen Führer finden keine Ruhe." Siefühlensich verpflichtet, zu den wichtigen Fragen der Gegenwart Stellung zu nehmen und durch Mort und Schrift in ihrer Gemeinde und in weiteren Kreisen aufklärend zu wirken. Bei diesen Führern kann es naturgemäß nicht ausbleiben, daß ihnen Gegner und Widersacher erwachsen. Dafür haben sie auf der andern Seite aber auch die Genugtuung, daß sich ihnen ein Gefolge von Freunden und Gesinnungsgenossen anschließt. Mie die „Phlegmatiker" und die „Gewissenhaften", so finden wir auch die „Eifrigen", die „Führer", in beiden Lagern, bei den Orthodoxen und bei den Liberalen. Einer der energischsten Führer der Orthodoxie in den letzten Jahrzehnten war Samson Raphael Hirsch, einer der verdienstvollsten Bahnbrecher des Liberalismus Heinemann vogelstein. Nunmehr schilderte der Redner Vogelsteins Lebensgang, beleuchtete seine Studienzeit, seine Verdienste um die Geineinden Pilsen und Stettin, sein Auftreten auf der Augsburger Synode und seine rege Anteilnahme an den Angelegenheiten des „Rabbinerverbandes in Deutschland" und der „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands". Die letztere, HS9? begründet, verdankt ihm ihr Entstehen, und er ist bis zu seinem Tode ihr Vorsitzender gewesen. Längere Zeit verweilte Redner bei dem Vo g e l st ein s ch e n Gebetbuch. Zm Zahre \8ty2 hatten sich die Vertreter der Synagogen-Gemeinden Westfalens in Bielefeld versammelt, um ihre Angelegenheiten zu beraten. Man verlangte ein von liberalem Geiste getragenes Gebetbuch. Da im benachbarten Rheinlande kein Rabbiner diese Aufgabe übernehmen wollte — Westfalen selbst hatte um jene Zeit überhaupt noch keinen Rabbiner —, so wurde Vogelstein mit ber Abfassung des Buches betraut. Schon im folgenden Zahre legte Vogelstein auf einer in Dortmund stattfindenden Tagung einen Gebetbuchentwurf vor unter Entwickelung der Grundsätze, nach denen er denselben ausgearbeitet hatte. Der Entwurf wurde angenommen, und ’ so konnte Vogelstein im Zahre (89^ sein Gebetbuch veröffentlichen. Das Bestreben Vogelsteins bei der Abfassung dieses seines Gebetbuches ging dahin, dem liberalen Juden ein Andachtsbuch zu schaffen, aus dem er beten kann, ohne mit seinen religiösen Anschauungen in Widerstreit zu geraten. Das Gebetbuch ist vom Geiste der Wahrhaftigkeit durchdrungen; denn, wie der Verfasser im Vorwort bemerkt, wir sollen zwar immer wahr reden, besonders aber,