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Liberales Judentum · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 114

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 114 (sequence 18)
Language
German
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114 O O o o Mar Wiener: Indische Iraker des Mittelalters gemacht wird, irgendwie aus den Tatsachen und Forderungen des sittlichen Lebens abzuleiten, nachdem uns Rant gelehrt hat, daß alle physikalischen und philosophischen Demonstrationen von höchst problematischem werte sind. Aber das sind eben Errungenschaften neuerer Zeiten. Die Existenz Gottes steht fest, was kann menschliche Weisheit über seinen Charakter ausmachen? Saadias Antwort ist eine Entfaltung des fundamentalen Dogmas der Jüdischen Religion, der Lehre von der Einzigkeit und Einheit Gottes. Hier tritt uns jene keusche Zurückhaltung entgegen, welche das Judentum bei der Behandlung solcher unauflösbarer Fragen stets gewissenhafter beobachtet hat, als fede andere Religion. Saadia bekundet einen höchst achtungswerten Respekt vor dem Unwißbaren, wenn seine Theologie sich darauf beschränkt, Gott als den weisen und mächtigen Weltschöpfer zu charakterisieren. wenn irgendwo, so zeigt sich wohl bei diesem Problem gerade in der Beschränkung der Meister. Unserem Philosophen kommt alles darauf an, Gott der Sphäre menfch-. licher Bestimmungen und Eigenschaften zu entrücken, in welche ihn die Naivität kindlichen Denkens so oft gebannt hat. Er führt uns mit Eindringlichkeit zu Gemüte, daß in Rücksicht auf das Wesen Gottes die Einsicht in unser Nichtwissen, in unser Nichtwissenkönnen wahre Weisheit ist. So werden nutzlose, wo nicht gar schädliche Grübeleien im Reime erstickt, und das Interesse der Menschen kann sich ungeteilt derjenigen Aufgabe zuwenden, die seinen Lebensinhalt zu bilden hat, der Erkenntnis und Erfüllung der göttlichen Gebote. So geheimnisvoll nämlich dem Menschen das Wesen Gottes bleibt, so klar enthüllt sich ihm der göttliche Wille in der Offenbarung seiner Pflichten, wir stehen hier an einem Punkte, an dem sich die jüdische Religionsphilosophie als die geradlinige Fortsetzung der Bibel erweist. Schon diese erkennt auf ihre Art, daß alle Spekulation über Gottes Natur nichts denn Mythologie ist; und so vertraut sie die Menschen mit dem göttlichen Gebote machen will; von seinem Charakter erzählt sie nur, daß er das Gute, das heilige ist. Die religiöse Philosophie greift diesen Gedanken auf und sucht ihn wissenschaftlich zu begründen. Und wenn auf diesem Wege die Phantasie, die an den bunten Bildern mythologischer Vorstellungen ihre Freude hat, nicht auf ihre Rechnung kommen mag, die Wahrheit gewinnt jedenfalls bei solcher Bescheidenheit. Das Prinzip der Moral ist nach Saadia die Willenserklärung Gottes, wie sie in der biblischen Offenbarung vorliegt. Durch die Propheten ist sie uns übermittelt worden, wir sind verpflichtet, ihr zu gehorchen, weil sie. dem Willen Gottes entstammt, also aus dem Urquell aller Weisheit hervorfließt. Aber gleichwohl tritt sie uns nicht als Machtspruch des Weltbeherrschers entgegen, der von den Menschen, seinen Sklaven, blinden Gehorsam heischt. Unsere Vernunft vermag den göttlichen Geist, wie er sich in der Offenbarung seiner Gebote enthüllt, auf eine gute Strecke zu begleiten. Wir erkennen den Sinn und die Absicht der Moralgesetze, die Saadia darum Vernunftgebote nennt. Auf ihrer Geltung ist das Zusammenleben der Menschen, die gesellschaftliche Ordnung, gegründet. Unser Philosoph nimmt den Gedanken Lessings von der Erziehung des Menschengeschlechtes durch die göttliche Offenbarung vorweg: wohl wäre der menschliche Geist auch ohne übernatürliche Unterstützung dazu gelangt, die sittlichen Gebote zu erdenke«; aber gewiß, erst in viel späterer Zeit, nach mühevoller Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten. Gottes Güte hat ihm diesen steinigen weg erspart, indem sie ihm die Sittlichkeit offenbarte und ihm so seine Straße ebnete.

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