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Liberales Judentum · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 113

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 113 (sequence 17)
Language
German
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O 0 o o Mar Wiener : Jüdische Nrnkrr des Mittelalters 113 uns an der Schwelle der jüdischen Philosophie des Mittelalters entgegentritt, sein theologisches Hauptwerk das Buch der Glaubenslehren und Vernunftansichten, so im Titel schon die Richtung und das Programm seines Denkens andeutend. Saadia lebte im 10. Jahrhundert im arabischen Kalifenreiche, zu einer Zeit, in welcher der Schwerpunkt der Weltkultur im Orient, eben in jenem muhammedanischen Staate, lag. Das Judentum war längst auf die große Iveltbühne hinausgetreten, auf der verschiedene geistige Mächte um den Sieg rangen. Zum zweiten Male war aus seinem Geiste eine Religion geboren worden, die ebenso wie das Thristentum von sich behauptete, allein im Besitz der ganzen Wahrheit zu sein. Und das große Erbe des klassischen Altertums, mit dem sich der Islam schon wenige Jahrhunderte nach seiner Entstehung erfüllte und befruchtete, trug nicht wenig dazu bei, im Bewußtsein seiner Denker die UebErzeugung zu stärken, daß die Führung der Geistesgeschichte in ihre Hände übergegangen sei. So mußte den Leitern der jüdischen Gemeinschaft alles daran gelegen sein, zu verhindern, daß Kleinmut und Zweifel in den jüdischen Köpfen auslebten, auf welche der Glanz und der Gehalt der islamischen Kultur sicherlich eine tiefe Wirkung ausübten. Zwei Religionen standen hier einander gegenüber, und jede von ihnen versicherte, allein aus dem Auell der einen und einzigen göttlichen Offenbarung zu fließen. Wer sollte hier Richter sein, um Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden? Was konnte als Maßstab der Wahrheit dienen? Offenbar nur die menschliche Vernunft, wie sie sich in aller Wissenschaft zeigt. So müssen diejenigen antworten, denen Religion vor allem Erkenntnis zu sein dünkt, Wissen von den für die Menschen wichtigsten und wesentlichsten Wahrheiten. Das ist aber die im Mittelalter herrschende Auffassung vom Charakter der Religion; und Saadia macht sie sich zu eigen. Also handelt es sich für ihn darum, die hauptsächlichen Lehrstücke des Judentums vernunftgemäß zu begründen. Wir wollen nun einige für diese Religionsbetrachtung typische Gedanken beleuchten; wobei es uns bloß darauf ankommt, die grundsätzliche Richtung dieses religiösen Denkens anzudeuten, aber nicht das theologische System des Saadia auch nur zu skizzieren. Die erste Untersuchung gilt dem Problem, ob die Welt geschaffen sei oder seit Ewigkeit her bestanden hat. In Uebercinstimmung mit dem ersten Satze der heiligen Schrift sucht unser Denker auf Grund philosophischer und naturwissenschaftlicher Argumente zu beweisen, daß die Welt ihr Dasein der freien Schöpfertätigkeit eines intelligenten und mächtigen Wesens dankt, daß sie das Werk Gottes ist. Diese Feststellung ist um so wichtiger, als mit ihr zugleich die Existenz Gottes dargetan wird: das Dasein der Welt schließt dasjenige Gottes ein; ohne Gott keine Welt. Saadias Beweisführung hat in der islamischen Philosophie ihre Vorbilder; wesentliche Momente jenes Verfahrens sind oft in späteren Zeiten wiederholt worden. Daß die Erschaffenheit der Welt als eine fundamentale Lehre der Religion angesehen und verteidigt wird, ist leicht zu begreifen. Ihr gilt die Welt vor allem als der Schauplatz des gottgewollten Menschenlebens; nur in Rücksicht auf dieses hat sie überhaupt Wert und Sinn. So sind die religiösen Motive leicht zu durchschauen, welche die wahren Wegweiser jenes Gedankenganges sind. Aber uns Modernen muß in den Gottesbeweisen des Saadia auffallen, daß sie allein auf metaphysische und naturwissenschaftliche Erwägungen gegründet sind; daß ethische Reflektionen sich gar nicht bemerkbar machen. Wir sind es gewöhnt, Gottes Existenz, wo sie überhaupt zum Gegenstand des „Beweises"

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