Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 112 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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112 O O Mar Wiener: Indische Denker des Mittelalters braucht ihm nicht zu beweisen, ob denn überhaupt ein Gott lebt und das Seiende beherrscht; daß nicht der blinde Zufall, sondern die Vernunft des Allweisen die Wirklichkeit der Dinge trägt. Wenn Fr. 1}. Jacob! meint, ein bewiesener Gott fei gar kein Gott, so hat er sicherlich Recht; wenigstens für den Gott der Religion. Denn seine Existenz gilt dem Frommen als der Anfang alles Seins und Denkens, als Axiom, als ursprünglichste Voraussetzung; nicht aber als irgend welch' erschlossene oder abgeleitete Wahrheit. Das ist der Standpunkt der biblischen Religiosität. Wohl gibt es in ihr j)latz für den Zweifel. Lstob zweifelt; Ieremia verzweifelt. Aber sie zweifeln nur, weil ihr persönliches Schicksal, ihre eigensten Erlebnisse sich so gar nicht dem Bilde einfügen wollen, das sie in ihrer frommen Seele von dem Laufe der Dinge tragen. Sie können an ihrem eigenen Dasein und der Offenbarung Gottes in ihm nur irre werden, weil in ihnen ein starker Glaube lebt, der am Ende ja über den Zweifel wieder Herr wird. Diese Selbstverständlichkeit und naive Unbekümmertheit des religiösen Empfindens schwindet in dem Maße, als die wissenschaftliche Reflektion erwacht, und alsbald zu einem entscheidenden Faktor in der Welt- und Lebensbetrachtung wird. Was in der Religion als Tugend gilt, die vertrauensvolle Eingabe an den unmittelbar erlebten Gott und die Offenbarung seines Willens, die bedingungslose Ueberzeugung von der sittlichen Ordnung im Weltgeschehen, die Sorglosigkeit des Glaubens, das alles ist, vom Standpunkte der wissenschaftlichen Erkenntnis aus gesehen, Todsünde. Denn ihr Lebenselement 'ist das Begründen, Ableiten, Beweisen und nicht zuletzt das Zweifeln. Auch die Religion gestattet den Zweifel, sie liebt ihn sogar, wenn er nur den Zweifler, nachdem er von seiner Krankheit genesen, desto fester an die von ihr gelehrte Wahrheit kettet. Der Wissenschaft aber gilt er nicht als ein Gebrechen, das überwunden werden muß, sondern als der wichtigste Hebel des Fortschritts. Sie darf sich nicht dagegen wehren, ihre Grundlagen fortwährend zu prüfen und umzugestalten oder, wenn nötig, sie zu verwerfen und durch neue zu ersetzen. Die Religion muß ihre Fundamente, ihre grundlegenden Ansichten vom Wesen und der Bestimmung des Menschen, als ewige, unumstößliche Wahrheiten erachten, will sie nicht sich selber aufheben. Die Wissenschaft aber würdo den Begriff ihrer selbst zu nichts machen, wollte sie jemals prinzipiell bei irgendwelchen Thesen als letzten Voraussetzungen stehen bleiben. Die wissenschaftliche Erkenntnis sträubt sich nicht etwa von Haus aus gegen fundamentale Annahmen des religiösen Glaubens; aber sie lehnt sich dagegen auf, wenn jene Lehren ohne Begründung und Beweis hingenommen werden als Geschenk der Offenbarung, deren Echtheit und Wahrheit nur dem schon Gläubigen einlenchtet. Mit dieser Gegenüberstellung von Religion und Wissenschaft ist der Weg vorgezeichnet, den die jüdische Philosophie des Mittelalters einschlägt. Sie geht von der Voraussetzung aus, daß die religiösen Urkunden des Judentums — die Bibel und auch der Talmud — die wohl beglaubigten Zeugnisse der göttlichen Offenbarung darstellen. Aber der göttliche Geist, der in ihr sich den Menschen mitteilt, darf uns nicht als ein undurchdringliches Geheimnis gelten; ein Abglanz von ihm lebt in unserem Geiste. Darum ist es dem Menschen gegeben, Wesen und Absicht der göttlichen Weisheit wenigstens ahnend zu erfassen; und so erwächst der Religionsphilosophie die Aufgabe, mit den Erkenntnismitteln der wissenschaftlichen Vernunft die Wahrheit der geoffenbarten Religion darzutun, die Harmonie zwischen Glauben und Wissen zu erweisen. In diesem Sinne nennt Saadia, der Denker, welcher